Mit dem Rad durch Neuseeland Teil 1: Es ist nicht immer Sonnenschein

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Mit dem Rad durch Neuseeland Teil 1: Es ist nicht immer Sonnenschein

Land: Neuseeland

Von Christchurch bis Oamaru

Draus gelernt: Wasser ist zwar in Neuseeland kostenlos, aber nicht so leicht zu kriegen.

Drüber gelacht: Ein Dorf mit drei Einwohnern, das groß in der Karte steht.

Schönstes kleines Wunder: Hannes und Ramons Gastfreundschaft

Größte Herausforderung: Gegenwind, Anhänger und Niesel.

Geradelte Tage: 4 ½

Geradelte Kilometer: 281,28

Durchschnittliche Kilometer pro Tag: 64,73

Insgesamt bis Oamaru geradelte Kilometer: 17.106

Mit dem Rad durch Neuseeland Teil 1: Von Christchurch nach Oamaru

Die letzten Nächte zu Hause verbringen wir wie schon die ersten – mit einem fast leeren Kühlschrank und mit Isomatten als Bett.

Empty room in Christchurch

Der letzte Tag in Casa Euston gleicht dem ersten: ein leeres sauberes Zimmer und Packchaos

Wir perfektionieren die Räder bis nichts mehr quietscht oder wackelt, kaufen jede Menge Essen ein, verkaufen die letzten Möbelstücke und leben wieder aus zwölf kleinen Taschen statt eines Schranks und einer Kommode. Am Abreisetag kommt Steve uns besuchen, um uns aus der Stadt heraus zu geleiten. Das kennen wir schon von Çihad aus der Türkei und von Ome aus Thailand und wir freuen uns sehr. Es ist Mittags bis wir endlich unterwegs sind. Aber es wäre kein Annika-und-Roberto-Radeltag wenn alles liefe, wie geplant.

Casa Euston, our home sweet home for a year.

Casa Euston (in der Euston Straße) war ein Jahr lang unser zu Hause. Alan schenkt uns einen nagelneuen Hasutürschlüssel und sagt, es bleibt unser zu Hause wann auch immer wir wiederkommen wollen. 

Die Sonne scheint viel schöner als noch vor einem Jahr, der Wind bläst von hinten und bald verabschiedet sich Steve an der letzten Ampel von uns. Nun radeln wir weiter. Die Traurigkeit, Christchurch, unsere guten Freunde, unseren Mitbewohner Alan und das gemütliche Leben in einem Haus hinter uns zu lassen, ist wie weggeblasen.

Lunch break on the stopping area of a bridge. Fortunately there was hardly any traffic

Mittagspause auf dem Parkplatz einer Brücke. Zum Glück war kaum Verkehr

Das Radeln geht einfach und wir rollen erstaunlich schnell voran. Links und rechts verschwinden Häuser und Industrie schnell und wir radeln an Farmen und Feldern vorbei, von denen die Kühe uns anstarren und die Schafe und zublöken. Ich blöke laut zurück. Der Highway ist recht stark befahren und die LKWs sausen eng an uns vorbei. Doch bald verlassen wir den wilden Westküstenhighway und folgen einer kleineren Straße, in der kaum ein Auto pro Kilometer vorbeikommt. Wir halten an einem Selbstbedienungsladen voller Obst, Gemüse und Eiern und bequatschen den Besitzer, uns eine gemischte Tüte zu verkaufen, denn mit 12 Eiern, 12 Tomaten und 12 Äpfeln können wir nicht wirklich viel anfangen.

Roberto taking a picture with his tripod

Ein weiterer Grund warum wir so langsam voran kommen

Am späten Nachmittag erreichen wir das kleine Dorf Hororate, wo es einen Picknickplatz gibt, an dem man auch zelten kann. Doch wir wollen den Wind und das Wetter noch etwas ausnutzen und radeln weiter. Gleich geht es an eine Straßensperre. Ob wir denn mit den Rädern durchkönnten, fragte Roberto. „Na dann aber flott“, war die Antwort. Also treten wir ordentlich in die Pedalen. Nach ein paar Kilometern gegen Ende der Sperre wird das Radeln härter. Ich schwitze nicht schlecht. Wir radeln immer langsamer und ich schiele schon immer zu Reifen und Bremsen, ob sich da nicht vielleicht irgendetwas gelöst hat.

Vegetable and fruit stand on the side of the street

Hie kaufen wir frisches Obst und Gemüse in Radlerportionen.

Aber auch Roberto muss mehr kämpfen, es geht also bergauf, auch wenn die Straße völlig flach aussieht. Wir quälen uns eine gute Stunde weiter ans Ende der Straße, wo wir schnurstracks in die Richtung des nächsten Dorfs fahren. Windwhistle ist recht groß in meiner Karte zwar markiert, aber das Dorf besteht aus nur drei Gebäuden: einer Schule, einer Tankstelle und einem Haus. Schule und Tankstelle sind geschlossen, also klopfen wir am Haus und fragen, ob wir in der Nähe unser Zelt aufstellen dürfen.

One out of three buildings in Windwhistle

Eines der drei Gebäude in Windwhistle. Der Garten wurde für eine Nacht zu unserem Zeltplatz. 

Michelle und Mike laden uns in ihren Garten ein. Er arbeitet an dem neuen Kanal, wegen dessen die Straße gesperrt war und sie ist Künstlerin. Ihr Sohn geht anderswo zur Schule. Tankstelle und Grundschule werden von Leuten von Außerhalb bedient.

Cycling the Rakia Gorge

Blick in die Rakia Schlucht

Am nächsten Morgen radeln wir durch eine Schlucht, die der Rakaia Fluss sich gegraben hat. Das Wasser ist hellblau und rauscht schnell unter der Brücke durch. Mike hatte uns schon vorm Anstieg gewarnt. „Wenn ich da mal Radler sehe, dann schieben sie alle ihre Räder den Berg rauf“, sagte er. Uns ergeht es ähnlich. Ich radle im kleinsten Gang, aber muss sechs Mal anhalten und Luft holen. Schieben geht mir noch viel schwerer als Radeln.

Rakia Gorge

Ich radle lieber bergauf als gegen den Wind. Wo es rauf geht, geht’s auch wieder runter. Doch wo der Wind drei Tage lang gegen mich bläst, habe ich anschließend keine drei Tage Rückenwind. 

Nun geht es größtenteils weiter bergab oder bleibt flach. Links und rechts sehen wir Weideland, Zäune, mehr Weideland und ab und zu einen Briefkasten, neben dem sich eine kilometerlange Einfahrt zu einem Farmhaus schlängelt. Wir halten in Staveley an einem Café und fragen höflich ob wir unsere Wasserflaschen auffüllen dürfen, doch man will uns kein Wasser geben.

Beautiful Rakia river shines so blue

Das Wasser des Rakia Flusses ist strahlen brau und fließt sehr schnell. 

„Also ihr müsstet schon wenigstens etwas hier kaufen!“. Dass wir Radler sind und Durst haben, interessiert den Verkäufer nicht sonderlich. Er stellt sich breitbeinig vor die großen randvollen Wasserkannen und erzählt uns, wie viele Leute doch täglich kommen und dass man ja nicht jedem einfach Wasser geben könne.

Auf unserem Weg von Deutschland bis hierher hat uns zuvor noch nie jemand Wasser verweigert. Auch in Ländern, in denen man für Leitungswasser zahlen muss oder in denen es sehr trocken ist, nicht. Wir sehen es nun erst recht nicht mehr ein, etwas zu kaufen und radeln wutentbrannt von dannen.

Merino Sheep

In Neuseeland leben mehr Schafe als Menschen!

Im Iran und in anderen trockenen Gebieten, hielten mehrfach Autos und LKWs nur um zu fragen, ob wir genügend Wasser bei uns haben! Sogar andere Radler haben uns schon von ihrem Vorrat angeboten. Wir waren so beeindruckt von dieser schönen Geste, dass wir seitdem Läufern, Wanderern und andern langsamen Radlern stets von unserem Vorrat anbieten.

In Deutschland und Österreich kam der Großteil unserer Wasservorräte aus Bars, Restaurants und Läden. Wir haben sogar zwei Mal in einem Privathaus und ein Mal in einem Altenheim angefragt und wurden nie abgewiesen.

Das Gras um das Café herum ist grün und geregnet hat es in letzter Zeit sehr viel. Außerdem ist Trinkwasser in Neuseeland gratis. Doch der Besitzer macht vermutlich guten Umsatz mit durstigen Radlern, die notgedrungen irgendeinen Kuchen oder ein Souvenir kaufen.

Another view down into the Rakia Gorge

Ein weiterer Blick hinunter in die Rakia Schlucht

Im nächsten Dorf gibt es einen Trinkwasserbrunnen und wir bedienen uns. Hier legen wir auch gleich eine Mittagspause ein und halten sogar ein kurzes Mittagsschläfchen. Als wir am Abend an einer Reihe Campervans und Zelten vorbeisausen, beschließen wir, uns das Ganze mal genauer anzusehen. Kaum stehen wir auf dem Gratis Zeltplatz, prasselt auch schon der Regen auf uns herab. Wir stellen das Zelt in Windeseile auf, aber die Hosen sind dennoch klitschnass, als wir fertig sind. Während wir uns noch auf einen feuchten und ungemütlichen Abend im Zelt einstellen, rufen uns schon Sophie und Warren aus dem Campervan nebenan zu, wir sollen doch mit reinkommen. Die beiden kommen aus England und reisen nun durch Neuseeland. Wir quatschen bis kurz nach Sonnenuntergang.

The world's biggest Jersey can be found in Geraldine

Der größte Pulli der Welt ist in geraldine zu bewundern

Regen und Wind bleiben bestehen und der Wind bläst nun von Süden direkt auf uns zu. Wir radeln stramm und kommen klitschnass in Geraldine an, wo wir frühstücken. Geraldine ist eines von diesen urgemütlichen kleinen Dörfchen, die durch seine Lage an einer wichtigen Kreuzung, ziemlich touristisch geworden sind. Es gibt Cafés und Bänke und überhaupt erinnert die Athmosphäre mich an das australische Dorf Bruthen. Gegen Mittag reißt es wunderbar auf, doch der Wind bleibt bestehen. Es bläst uns so stramm entgegen dass es mich manchmal fast vom Rad pustet wenn ein LKW vorbeikommt.

The world's biggest jersey in Geraldine

Und hier ist er. 

Bald müssen wir auf dem Highway 1 weiter, der aber hier nicht mehr ganz so stark befahren ist, wie um Christchurch herum. Doch viele der Autos ziehen Anhänger hinter sich her, die breiter sind als die Autos selbst. Wenn es keinen Gegenverkehr gibt, weichen uns die Autofahrer zwar ein wenig aus, aber igre Anhänger streifen uns dennoch fast. Ich glaube nicht dass vielen der Fahrern wirklich klar ist, dass ihr Anhänger breiter ist als ihr Auto. Kurioserweise schließt das auch die Autofahrer ein, die auf ihren Anhängern Fahrräder transportieren, und es eigentlich besser wissen müssten.

Mount Hutt Skiing Area sign

Auf dem Weg nach Charleston liegt die Abfahrt zu einem Skigebiet! Die Landschaft wirkt etwas flach zum Ski fahren, doch das ändert sich in Neuseeland ja in Nullkommanix. 

Die LKW Fahrer hingegen wissen um ihre Anhänger, aber sie sind generell so breit, dass sie bei Gegenverkehr kaum ein paar Zentimeter Platz machen können. Bremsen ist auch keine Option, also rauschen sie so schnell und dicht an uns vorbei, dass ich vor Schreck und Vorsicht viele Male schnurstracks ins Gebüsch am Straßenrand radle. Wenigstens hupt niemand.

In Timaru treffen wir uns mit Kiwi Ramon und Finnin Hanne un ihrem vier Monate alten Töchterlein Isla. Die beiden waren 2012 von der Türkei durch Iran, Zentralasien und China nach Thailand unterwegs und wir haben sie mehrfach knapp verpasst. Doch wir haben viele gemeinsame Bekannte und haben ganz ähnliche Erlebnisse. Die beiden haben ein Festmahl vorbeieriet, dass uns fast die Augen aus dem Kopf fallen. Zwei Freunde samt Baby kommen noch dazu und ich kaue noch fröhlich weiter, als alle anderen schon an den Nachtisch denken.

Trout Fishing

Ramon zeigt Roberto wie man richtig angelt

Am nächsten Tag machen wir Pause. Es ist ein Sonntag und Ramon hat frei. Die beiden nehmen uns mit dem Auto mit in die Nähe des Tekapo Sees, wo Ramon Roberto zeigt, wie man angelt. Wir haben einen gemütlichen und sonnigen und fast windstillen Tag.

Einen weiteren Tag genießen wir mit Ramon, Hanne und Isla. Die beiden freuen sich, mit jemandem in alten Zeiten schwelgen zu können. Nun ist es plötzlich kalt, windig und ungemütlich. Richtiges Herbstwetter.

Hanne, Isla and Ramon

Hanne, Isla und Ramon

Hanne bäckt Äpfel mit Rosinen und Zimt, Roberto kocht heiße Schokolade und ich gerate richtig in Weihnachtsstimmung. Die kleine Isla ist eine gute Ausrede, um das Haus immer schön beheizt zu behalten. Wir fühlen uns pudelwohl. Ich sinke so tief in meine Winterstimmung, dass ich gar keine Lust mehr habe, aufs Rad zu steigen.

Sweet little Isla

Süße kleine Isla

Trotzdem geht es am nächsten Tag weiter. Allerdings erst Mittags, denn den Morgen verbringen wir quatschend mit Hanne und spielend mit Isla. Wir radeln durch Niesel und mit noch viel stärkerem Gegenwind als zuvor. Im Schneckentempo kämpfen wir um jeden Meter. Meine Beine fühlen sich an wie Wackelpudding.

View down from the Tekapo Observation Point.

Blick von der Tekapo Sternwarte. Hier soll es den zweitbesten Nachthimmel der Welt geben. Wir finden den Taghimmel schon faszinierend genug. 

Die Landschaft ist öde, die Schafe blöken gar nicht mehr zurück und wieder ist der eine oder andere rücksichtslose Autofahrer dabei. Die meisten machen uns schon gut Platz, aber immer mal wieder reißt mich ein Fahrer aus dem Rhythmus und zwingt mich ins Gras oder Gebüsch. Ich verfluche alle und jeden und überhaupt die Idee im Herbst eine Radreise starten zu wollen. Am liebsten wäre ich einfach bei Hanne und Ramon eingezogen und dann im späten Frühling weitergefahren.

Annika was grumpy

Schmollika will nicht einen Meter weiter fahren.

Vor Sonnenuntergang erreichen wir Glenavy, den Ort vor der großen Brücke, die über den Waitaki Fluss führt. Lange Brücken hatten wir einige und wir wissen, dass wir jedes Mal anhalten und warten müssen, bis kein Verkehr kommt, nur um dann so schnell, wie uns die Beine nur tragen, über die enge Brücke zu sausen. Gebüsch für einen rettenden Sprung weg von den Anhängern gibt es auf der Brücke nämlich nicht.

Rafa and Lena

Visitors at the Glenavy Motor Camp!

Für solche Späßchen haben meine Beide keine Kraft mehr, also halten wir am Glenavy Waitaki River Motorcamp. Die Sonne geht ohnehin bald unter. Anne, die Besitzerin, führt uns gleich herum und das Camp ist genau, was ich jetzt brauche. Es ist picobello sauber, die Duschen sind heiß und es gibt eine Küche mit Herdplatten, Wasserkocher und Toaster. Anne schlägt uns einen Platz neben dem zweiten Toilettenhäuschen vor, wo wir windgeschützt sind und weit weg vom Straßenlärm. Nachts kommen uns noch unser mexikanischer Freund Rafa und seine Freundin Lena besuchen, mit dem wir Tee und Bier trinken und quatschen, bis um 22 Uhr die Besucherzeit zu Ende ist.

45 Degrees South! This is the middle point between the Equator and the South Pole!

Nun sind wir exakt zwischen Südpol und Äquator. 

Der Wind weht nicht weniger schlimm am nächsten Tag und nach der Brücke muss ich erstmal halten und meine Beine sortieren. Wir kämpfen uns irgendwie durch Regen und Niesel gegen den Wind bis nach Oamaru, wo meine kleine Winterkrise ihren Höhepunkt erreicht. Wir gönnen uns zwei Suppen, eine große Portion Schwein süß-sauer und eine kleine Portion Bratnudeln und ich wärme mich etwas auf. Der arme Roberto muss sich all mein Gejammer anhören. Es ist viel zu kalt und so nass und so anstrengend und jeder Tag ist ungemütlicher als der nächste und überhaupt würde ich viel lieber irgendwo eine Bleibe haben, in der es mollig warm ist. Das Reiseradeln hatte ich irgendwie rosiger im Kopf.

45 Degrees South

Wenige Minuten später prasselt der regen wieder. Das Wetter in Neuseeland ist wirklich unberechenbar. 

Roberto heitert mich irgendwie wieder auf. Jetzt kommt doch erst der schöne Teil! Hier in Oamaru endet nämlich der Alps2Ocean Radwanderweg, der 300 Kilometer entfernt am Mount Cook startet. Wir haben beschlossen, ihn andersherum zu fahren. Roberto hält mir die Broschüre vor die Nase. „Guck dir nur mal diese Bilder an! Und die Seen! Und das Wetter soll ab morgen doch auch schon viel besser werden!“. So ganz überzeugt bin ich noch nicht, dennoch steige ich irgendwann wieder aufs Rad. Auf den Alps2Ocean hatte ich mich doch schon so lange gefreut.

 

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