Hoşgeldiniz! Nimm doch Platz

Camping

Trabzon, Türkei, Mai 2012

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Wir sind gerade einen Kilometer geradelt, da sehen wir auch schon den Picknickplatz am Straßenrand, den wir schon am Vortag entdeckt haben. Wir halten, packen Shampoo, Seife und dreckiges Geschirr aus und fangen an abzuspülen und uns an den öffentlichen Wasserhähnen zu waschen. Das Grundwasser ist klar und gratis. Der Erbauer des Brunnens hat seinen Namen eingraviert und man glaubt, dass ihm dadurch Gutes widerfahren wird und dass durstige Reisende, die vom Brunnen trinken für ihn beten. Ich glaube dass ich in der Türkei kaum Durst leiden kann, da es überall viele Möglichkeiten gibt, an solchen Brunnen die Wasserflaschen aufzufüllen.

Ayran and Pide with Bayam

Ayran und Pide mit Bayam

Gleich neben den Wasserhähnen stehen drei Picknicktische und eine Familie frühstückt an einem er drei. Ich werfe einen Blick in unsere fast leere Essentasche, als uns der Vater auf einen Tee und ein Stück Kuchen einlädt. Als die nette Familie sich auf den Weg macht, setzt sich ein älteres Ehepaar auf eine andere Picknickbank. Sie stellen vorsichtig einen karierten Korb in die Mitte des Tisches und sehen sich dabei verliebt in die Augen. Sie winken Roberto an den Tisch und drücken ihm lecker duftenden Börek (gefüllter Blätterteig) in die Hand. Schon ruft uns jemand vom Nebentisch zu. Zwei LKW-Fahrer bieten uns einen Platz an ihrem Tisch an, wir sollen gemeinsam mit ihnen frühstücken. Sie haben alles dabei, was ein richtiges türkisches Frühstück ausmacht: Zeitungspapier als Tischdecke, Gurke, Tomate, je zwei Käse- und Olivensorten, Marmelade, Nuss-Nougatcreme, türkischen Tee und Brot. Wir können nur Honig und Börek anbieten, sind aber ebenfalls sehr froh, mit jemandem teilen zu können.

Ömer and his friend are well prepared

Ömer und sein Freund sind gut vorbereitet

Ömer, einer der LKW-Fahrer, hat lange Haare und ein Dauergrinsen im Gesicht. Als er hört, dass wir durch seine Heimatstadt Rize (östliche Schwarzmeerküste) fahren werden, schreibt er uns gleich seine Telefonnummer aus, sodass wir bei ihm zelten können. Er ruft mittlerweile seit geschlagenen zwei Wochen alle paar Tage an und fragt wo wir denn so lange bleiben. Ömer steht wirklich zu seiner Einladung.

Hier, hunderte Kilometer entfernt vom Schwarzen Meer, finden wir heraus, das Levent recht hatte, als er sagte, die Leute am Schwarzen Meer, besonders die der Volksgruppe der Lasen, zu der auch Ömer gehört, akzeptierten einfach kein „Nein“. Ömer bietet uns den Rest Käse, Oliven und Marmelade an, doch wir lehnen ab, da wir am Nachmittag durch eine Stadt fahren würden, wo wir selbst einkaufen könnten. Doch Ömer lässt uns nicht gehen bis wir alles eingepackt haben.

Turkish Tea

Frischer Tee

Wir geraten immer wieder in ähnliche Situationen. Überall im Lande sind die Menschen sehr offen und neugierig auf Ausländer. Sie laden uns oft zu Tee und / oder Essen ein, möchten mehr über unsere Heimatländer erfahren. Besonders das exotische Mexiko weckt das Interesse der Leute. Wenn wir keine Zeit oder volle Mägen haben müssen wir schweren Herzens ablehnen. Am Schwarzen Meer ist das nicht so leicht. “Nein” bedeutet hier nur “vielleicht”. Wo auch immer wir unsere Räder anhalten, sei es an einer Tankstelle, einem Laden oder einem Café, werden wir angesprochen und oft auch eingeladen.

An einer Tankstelle bekommen wir Limonade in die Hand gedrückt und uns wird eine ganze Mahlzeit vorgesetzt. Protestieren hilft nicht. Kein Hunger gilt nicht. In einem Souvenirshop werden wir eingeladen, mit dem Team zu frühstücken, an einer anderen Tankstelle gibt es Brot, Käse und Tee. Es ist einfach lecker und wir lernen auf diese Weise unglaublich viele neugierige Menschen kennen.

Wir fahren 350 Kilometer an der Grenze entlang, bis uns Cihad in Trabzon aufklärt: „Die Türken lieben es, alles zu teilen, was sie haben. Das gilt besonders für müde Reisende.“ Wenn sie essen und sie sehen, dass wir nicht essen, dann wollen sie mit uns teilen. Das gilt auch für Tee und Schlafplätze.

Hoşgeldiniz!

Für die Türken ist es wichtig, Reisende zu unterstützen. „Man kann theoretisch jederzeit an irgendeine Tür klopfen und nach Essen, Trinken oder einem Schlafplatz fragen. Wenn die Menschen haben, was man braucht, dann wird man davon auch etwas abbekommen.“, erklärt uns Cihad. Ein guter Muslim kann Allah sein großes Herz beweisen, indem er großzügig zu Fremden ist, doch die türkische Gastfreundschaft spüren wir sowohl bei gläubigen als auch von weniger oder nicht gläubigen Muslimen.

Görkhan, Hakan, Nuriye, Roberto, Sali and Annika

Görkhan, Hakan, Nuriye, Roberto, Sali und Annika

Ein „nein“ bedeutet besonders für die Menschen an der östlichen Schwarzmeerküste nur dann nein, wenn es auch gut begründet wird. „Wenn man nur nein sagt, aber nicht erklärt, warum man ablehnt, dann gilt das wie ein vielleicht“, erklärt Cihad. „Dann wird eben noch ein zweites und drittes Mal gefragt“.

Uns hat auch eine gute Erklärung bisher nie geholfen. Wenn wir erstmal das Glas in der Hand und den Teller vor uns auf dem Tisch stehen haben, dann werden beide auch geleert. Das türkische Essen ist einfach zu lecker um es unberührt stehen zu lassen. Außerdem halten wir es für unhöflich, eine so klare Aufforderung auszuschlagen. Unsere neuen Freunde akzeptieren ein „Nein Danke“ erst nach dem dritten Glas Tee und der fünften Scheibe Brot. Angeboten wird, bis es nichts mehr gibt.

Unsere Körper sind der beste Beweis für die großzügige türkische Gastfreundschaft und den ausgezeichneten Geschmack des Essens. Also liebe türkische Freunde und Fremde: bitte hört auf, uns zu fragen warum wir denn nach über 4800 Kilometern nicht wie „typische Radfahrer“ aussehen (höfliche Bezeichnung für dick sein). Ihr seid es doch, die uns mit all dem köstlichen Essen mästet!

 

Update: Wir haben Ömer mittlerweile besucht und zwei tolle Tage mit ihm verbracht. Wir sind nun völlig verwöhnt und fragen uns, ob wir überhaupt noch selbstständig Tee kochen können. Hoşgeldiniz!

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  1. Siri says:

    Ihr armen, dass ihr euch die ganze Zeit den Bauch vollschlagen müsst 😉 Es ist bestimmt furchtbar schrecklich in so einem gastfreundlichen Land unterwegs zu sein!
    So, und da du mich ja mal um Kritik gebeten hast, noch zwei Anmerkungen: 1. Im dritten Abschnitt erste Zeile fehlt ein “der” 2.Mir ist nicht so ganz klar geworden, warum die Türken denn am schwarzen Meer so anders sind…. ist es da dörflicher? Kommen weniger Touristen in die Gegend? Sind die Menschen ärmer oder reicher? Gläubiger ja anscheinend nicht…. Wenn du es nicht weißt, dann könntest du vielleicht auch so was schreiben: Woher das Phänomen kommt, weiß ich nicht, aber es tut gut!
    Und aus eigenem Interesse noch eine Frage: wenn man nein sagt, wird es nur nicht akzeptiert oder wird es auch als unfreundlich empfunden etwas abzulehnen?

    • Tasting Travels Team Tasting Travels Team says:

      Hey Siri!
      Vielen Dank für deine Ideen und Kritik! Am Schwarzen Meer wohnen unter Anderem viele Menschen der Volksgruppe der Lasen, die dafür bekannt sind, aufbrausend zu sein und eben ihren Willen durchzusetzen. Ein Freund in Ankara sagte “Sag bloß niemals ,nein’ zu einem Laz!” Er ist übrigens mit Einer verheiratet und muss es wissen 🙂
      Aber auch alle anderen Bewohner der Schwarzmeerküste sind so gastfreundlich. Warum, weiß ich nicht.
      Ein anderer Freund aus Trabzon (am schwarzen Meer) sagt, man darf ruhig zwei Mal Nein sagen. Nein ist wie vielleicht und daher wird weiter nachgefragt (oder gleich aufgetischt). Ein drittes Mal haben wir aber nie verneint, weil wir selbst auch nicht wissen, ob das unhöflich ist oder nicht. Ich denke, ein, zwei Mal muss man sogar verneinen, um höflich zu sein.
      Die Leute sind sehr neugierig auf Ausländer, denn in der Türkei ist die Ausländerquote (außerhalb von Antalya in den Sommermonaten) sehr niedrig. Sie freuen sich, wenn sie jemanden kennen lernen, der von einem anderen Land, dem Essen, der Kultur und der Familie erzählen kann. Wer zusammen sitzt, trinkt dazu einen Tee oder zwei (oder fünf) und isst oft auch eine Kleinigkeit. Ich denke das hat auch damit zu tun, allerdings ist das an der Schwarzmeerküste genauso wie im Rest des Landes.
      Die anderen Punkte ändere ich gleich 🙂 Danke für den Tipp 🙂 Annika

  2. Pingback: Hoşgeldiniz! Please take a seat - Tasting Travels | Tasting Travels

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