Die haarigen Wächter der zehntausend Stufen

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Weiße Weihnachten auf dem Emei Shan

Januar 2013, Emei Shan, Sichuan, China

Eine dicke Schneeflocke landet mir genau im Nacken. Für einen Moment genieße ich die Erfrischung, dann ziehe ich die Kapuze über meinen Schal. Noch 20 Treppenstufen bis zur Kurve, noch 15, fast ist es geschafft. Bloß nicht auf den eingeschneiten Stufen ausrutschen. Es ist totenstill, nur der Schnee knirscht unter unseren Schuhsohlen. Am nächsten Pavillion machen wir eine Pause, weit kann es nicht mehr sein. Endlich ist die Kurve erreicht. Ich bleibe stehen, atme und wage einen mutigen Blick um die Kurve herum. Die Treppe zieht sich weiter. So weit ich meinen Kopf auch nach oben recke, ein Ende kann ich nicht ausmachen. Ich trinke einen Schluck kühles Affenwasser, greife meinen Bambuswanderstock und nehme die ersten Stufen in Angriff.

Tief im Tal auf etwa 500 Höhenmetern ging am ersten Weihnachtsfeiertag die lange Wanderung los. Ausgestattet mit Klettereisen, Bambuswanderstäben, etwas Proviant, warmen Cumulus Daunenschlafsäcken und trockener Wechselkleidung verließen wir das Hotel in der gleichnamigen Stadt am Fuße des Berges. Ein bisschen albern kam ich mir in der Montur schon vor, aber bald steckten wir schon mitten im Berg und trafen kaum noch andere Menschen.

Der Emei Shan ist einer der vier heiligsten buddhistischen Berge. Viele Klöster und Tempel finden sich auf ihm, aber auch allerlei überteuerte Güter für die Touristen. Neben uns besuchten nämlich Busladungen von Besuchern den 3070 Meter hohen Gipfel. Von diesen Massen bekamen wir am Fuße des Berges allerdings nicht das Geringste mit, denn die Meisten fahren mit dem Bus bis kurz vor den Gipfel, laufen ein paar Meter und den Rest erledigt eine Seilbahn.

Gleich hinter dem ersten Tempel umringten uns riesige Farne, Lianen und Bambuswäldchen und für einen Moment fühlte ich mich in die mexikanischen Mayaruinen zurückversetzt. Der Dschungel war sattgrün und – wie es sich für einen Urwald gehört – nass. Es regnete ununterbrochen. Das machte uns gar nichts. Ich pfiff Weihnachtslieder vor mich hin, als die erste lange Treppe in Sicht kam. Das obere Ende konnte ich nicht ausmachen. Wir keuchten hinauf. Oben angekommen ging es um die Kurve und uns erwartete eine ebenso lange Treppe. So erging es uns drei Tage lang. Treppauf, treppab.

Am frühen Nachmittag machten wir einen kleinen Umweg zurück auf 720 Höhenmeter zum Qingyin Pavillion. Kurz darauf erreichten wir das Affengebiet. „Räumt eure Jacken. Und Hosentaschen aus und verpackt alles unter der Regenjacke“, warnte uns eine andere Touristin. „Monkey will see it!“ flüsterte sie und warf uns einen warnenden Blick zu. Die wilden Affen des Emei Shan sind bekannt dafür, von den Touristen verzogen worden zu sein. Wer nicht freiwillig etwas zu Knabbern herausrückt, der wird gründlich nach Essbarem untersucht. Roberto konnte einer Affenattacke nicht mehr entkommen. Ein Affe krallte sich an ihm und dem Rucksack fest und fletschte die Zähne, während ein weiterer danebenhockte und aufpasste. Wir versuchten gemeinsam, die beiden mit unseren Wanderstäben zu vertreiben, doch sie ließen nicht locker. Erst als der erste Affe eine halbvolle Wasserflasche ergattert hat, ließ er uns in Frieden.

Wir waren plötzlich gar nicht mehr außer Atem und nahmen gleich zwei Treppenstufen auf einmal. Bloß schnell weg. Da das unsere einzige Wasserflasche war und wir es nicht einsahen, Wucherpreise für eine Neue zu zahlen, rannte ich todesmutig zurück um sie wieder einzusammeln. Der Affe hatte schnell das Interesse verloren, als er bemerkte dass gar kein Zuckergebräu in der Flasche war.

Später am Nachmittag verwandelte sich der Nieselregen in Schnee. Wir machten nur kurze Pausen, denn sonst würden wir in der nassgeschwitzten Kleidung frieren. Der Blick auf die Nebelschwaden tiefer im Tal war wunderschön. Jede Stunde trafen wir etwa einen anderen Wanderer, ab 16 Uhr war außer uns niemand mehr unterwegs. An der Venerable Trees Terrace (Hongchunping) beschlossen wir, noch bis zum nächsten Tempel aufzusteigen. Der Schnee reflektierte das wenige Licht gut, sodass wir auch nach Sonnenuntergang unsere Taschenlampen nicht nutzen mussten. Drei Stunden später erreichten wir den 1752 Meter hohen Xianfeng Tempel, in dem hoch überteuerte Zimmer vermietet werden (verglichen mit den Preisen im Rest Chinas zumindest). Es gab weder eine Heizung noch fließendes Wasser. Nach langer Suche bekamen wir aber eine Thermoskanne voll aufgekochtem Schnee, mit dem ich auch die Affenwasserflasche notdürftig von Affensabber desinfizierte. Statt eines großen Weihnachtsschmauses gab es Vollkornbrot mit Honig, heißen Schnee und eine Bockwurst für jeden. Völlig kaputt vom harten Anstieg der letzten drei Stunden kuschelten wir uns schon um 20 Uhr in die Schlafsäcke und schliefen volle 12 Stunden durch.

Am nächsten Morgen waren unsere Wanderklamotten steifgefroren, die Temperatur im Tempel lag auf dem Gefrierpunkt. Nachdem wir die Kleidung warmgelaufen hatten, waren wir bester Laune. Das Winterparadies war von solch einzigartiger Schönheit: steifgefrorene Farne, weiß überdeckte Bambuswäldchen und Nebelschwaden wohin man auch blickt. Die Tempel sahen noch viel mystischer aus und ein Eichhörnchen verlor seine Scheu und kletterte Roberto bis auf die Schuhspitze.

Bald erreichten wir ein den sogenannten Elephant Bathing Pool auf 2070 Metern und plötzlich waren wir nicht mehr die einzigen Wanderer weit und breit. Wir haben es in die Nähe der obersten Busstation geschafft! Tagesausflügler mit Leihmänteln, Hackenschuhen und Affenfutter kamen uns entgegen. Sie kauften hoch überteuerte Dosen voll Red Bull, Fleischscheiben in Plastik und fütterten die verzogenen Affen mit Bonbons, Marshmallows und anderen ungesunden Süßigkeiten. Die ohnehin teuren Preise stiegen fast ins unermessliche und unser Essensvorrat neigte sich dem Ende zu. Ein alter Mann wollte mir 600 Milliliter gekochten Schnee für 5 Yuans verkaufen. Dafür bekommt man im Tal zwei ebenso große Flaschen Bier!

Wir schliefen in einem Gästehaus eine knappe Stunde vor dem Gipfel. Im Zimmer stieg das Thermometer auf -2°C. Ein Bett kostete 60 Yuan pro Nase – doppelt so viel wie in Kashgar und drei Mal so viel wie in Xi’an. Nicht einmal Klopapier war im Preis inbegriffen (3 Yuans für ein Paket Taschentücher), aber dafür gab es gratis seltsam riechendes heißes Wasser und sogar einen Zimmerschlüssel.

Nach dem Preis für eine Portion gebratene Nudeln fragte ich gar nicht erst, stattdessen teilten wir uns die letzte Instantsuppe mit einer Bockwurst. Die letzte wollten wir uns für den Gipfel sparen.

Am nächsten Morgen war es gespenstisch still. Ich kratzte die Eisschicht von der Fensterscheibe und konnte es kaum glauben: der Nebel war verschwunden! Nichts wie raus aus den Federn – wir mussten auf den Gipfel!

Wir hasteten die letzte Stunde hinauf und konnten unser Glück kaum fassen. Am Abhang erwartete uns eine Wolkendecke wie aus dem Flugzeugfenster.

Hinter uns die Samantabhadra Statue, eine 42 Meter hohe goldversetzte Statue mit vielen zuversichtlichen Gesichtern, die Samantabhadra, einen der acht buddhistischen Bodhisattvas darstellt. Neben uns der Jinding-Si Tempel und vor uns der Abhang und mit ihm nichts als Wolken und Himmel Am Horizont entdeckten wir andere Gipfel, Tempel und Kloster. In den letzten Tagen war der Gipfel immer neblig und unspektakulär. Wir hielten einander fest und genossen unseren Triumph über die unendlichen Treppenstufen. Die Tagesausflügler verpassten so einiges. Sie fuhren zwei Stunden mit dem Bus, liefen 15 Minuten durch verzogene Affengruppen, fuhren weitere 20 Minuten mit der Seilbahn und knipsten dann eine halbe Stunde lang Fotos, bevor die Tour weiter ging. Wir hingegen waren überglücklich, denn wer die ganze Strecke erwandert hat, weiß den Erfolg auch richtig zu schätzen.

Das war für uns beide das erste weiße Weihnachtsfest seit langem und ein völlig anderes und sehr intensives Erlebnis ohne Weihnachtsbaum, Festschmaus, Wein und Weihnachtsmusik.

 

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