Grünes Michoacán – Mit dem Rad quer durch Zentralmexiko

Pretty lonesome ride through Michoacán

Einsame Strecken in Michoacán

Grünes Michoacán – Mit dem Rad quer durch Zentralmexiko

Land: Mexiko
Von Guadalajara bis Morelia
Draus gelernt: Straßensperren sind praktisch für Radler
Schönstes kleines Wunder: Der See von Camécuaro
Gesichtete Tiere: Esel, Pferde, Mücken, Kühe, Ziegen, Schafe
Geradelte Tage: 4,5
Geradelte Kilometer: 348
Durchschnittliche Kilometer pro Tag: 77.33
Insgesamt geradelte Kilometer: 28.460

Grünes Michoacán – Mit dem Rad quer durch Zentralmexiko

Letzten Blog verpasst? Hier kommt er: Im Land der Mariachis und des Tequilas – jalisco mit dem Fahrrad
Blog in English: Green Michoacán – Cycling Central Mexico

Es ist nie eine große Freude, mit dem Fahrrad aus einer Großstadt rauszufahren. Guadalajara ist da keine Ausnahme. Daher nehmen wir uns die Tipps lokaler Radler zu Herzen und folgen kleinen Nebenstraßen. Auf diese Weise müssen wir kaum mit dem Verkehr kämpfen, stattdessen holpern wir zwar über Pflastersteine, durch meterlange Pfützen, über Bahnschienen und Sandstraßen, aber immerhin ist es ruhig. Am Stadtrand halte ich für eine letzte „Torta Ahogada“ (ertrunkenes Brötchen), das ist Guadalajara’s bekanntestes Gericht.

Torta Ahogada

Torta Ahogada. Sieht nicht sonderlich appetitlich aus, schmeckt mir aber sehr gut.

Ein mit kaltem Schweinefleisch gefülltes weiches Brötchen, das mit so viel kalter Tomatensoße und scharfer Soße übergossen wird, bis es matschig genug ist, um es mit dem Löffel zu essen. Obendrauf gibt es rohe Zwiebeln. Eines dieser Gerichte, die man entweder liebt oder nicht ausstehen kann.

Gut 25 Kilometer außerhalb der Stadt radeln wir auf einem kleinen unbefestigten Feldweg. Durch den großen Umweg haben wir viel Zeit verloren, also radeln wir zurück in Richtung Hauptstraße. Und wir haben Glück: auf uns wartet wenig Verkehr und ein breiter Seitenstreifen. Die zwei faulen Wochen in Guadalajara sind nicht spurlos an uns vorbeigegangen. Unser Tagesziel erreichen wir heute nicht, dafür schlaucht uns das Radeln viel zu sehr. Und heute ist der flachste Tag der ganzen Strecke nach Mexiko Stadt!

cycling Michoacan

Ein paar Tage später in Michoacán

Am folgenden Morgen radeln wir durch Ocotlán, entlang des Sees Chapala und genießen einen langen Radweg. Der Weg ist großartig, aber wir sehen dennoch viele Radler auf der Landstraße und viele Mofafahrer auf dem Radweg. Manchmal reicht es einfach nicht, nur die Infrastruktur anzulegen.

Cold climate in Michoacán

Zum ersten Mal in Mexiko kramen wir unsere Regenjacken heraus.

Wir erreichen heute den Bundesstaat Michoacán. Michoacán ist landesweit berühmt für „Paletas“ (frisches Eis am Stil auf Wasser- oder Milchbasis mit ganzen und pürierten Früchten), Nieves (Speiseeis), und Agua de Sabor (Wasser mit pürierter Melone, Limette, Hibiskusblüte, Erdbeere, Reis und Zimt und vielen anderen Geschmackssorten). Wir folgen einem guten Mix aus Landstraße, Nebenstraßen und Feldwegen und sind erstmal begeistert.

Rental bikes for four in Camécuaro, Michoacán

In Camécuaro werden Räder für die ganze Familie vermietet.

Es ist grün und kühl und es gibt viele Flüsse zum anschauen, Seen zum baden und Dörfer zum quatschen. Wir treten ordentlich in die Pedalen und schaffen es gerade nach Sonnenuntergang in Zamora einzutrudeln. Hier übernachten wir bei Anahi, Edith und Judith von warmshowers. Die drei haben eine große schüchterne Katze und eine Kleine, die am liebsten den ganzen Tag an der Leine spazieren geht, als wäre sie ein Hund. Wir verstehen uns blendend.

Cycling and Ecotourism in Camécuaro

Hätten wir mehr Zeit, dann stünde unser Zelt schon gleich am Ufer des Camécuaro Sees.

Der nächste Tag beginnt schon perfekt. Wir halten an einem Straßenstand und kaufen fünf Mangos für zehn Pesos. Die Verkäuferin hat auf einem kleinen Lagerfeuer ein paar Bohnen mit Nopal (Kaktusblätter) gekocht und lässt nicht locker bis sie uns jeweils zwei Tacos geschenkt hat. Der Verkäufer vom Nachbarstand schenkt uns dazu eine Avocado. Nur eineinhalb Kilometer weiter bergauf liegt der See Camécuaro. Erst als wir direkt vorm See stehen, wird mir klar, dass ich hier bereits vor sieben Jahren schoneinmal mit Freunden gezeltet habe.

Mangroves in Camécuaro lake in Michoacán

Mangroven

Camécuaro ist purépecha für „Ort zum Baden“. Purépecha ist die Sprache des gleichnamigen indigenen Volks aus dem Hochland Michoacáns – wo wir heute durchradeln. In Camécuaro lernen wir Alejandro kennen, der purépecha spricht und am Vormittag ein indigenes Ritual fürs nationale Fernsehen vorgeführt hat, das hier vor Ort gedreht hat. Er lädt uns spontan ein, bei sich zu Hause in Zacapu zu übernachten.

Michoacán landscape

Michoacán Landschaft

Wir spazieren noch ein bisschen um den blauen See und seine Mangrovenbäume herum, dann machen wir uns wieder auf den Weg. Heute haben wir noch einen guten Hügel vor uns. Zwischen 800 und 1100 Meter müssen wir rauf, je nachdem ob man google oder doogal glaubt. Der viele Regen hat seine Spuren hinterlassen: es grünt überall um uns herum. Wir radeln vorbei an Mangobäumen, Erdbeerfeldern und Avocadobäumen. Das Wasser läuft an moosbewachsenen Felswänden herunter und wenige Meter weiter wachsen Agaven und Feigenkakteen.

Cycling the secondary roads through the countryside of Michoacán

In Michoacán gibt es viele kaum befahrene Landstraßen. Das gefällt uns natürlich sehr gut.

In vielen Teilen Mexikos demonstrieren Lehrer gegen die neue Bildungsreform die der Staat ins Leben gerufen hat. Auch in Michoacán wurden heute zwei Straßensperren aufgestellt. Uns passt das eigentlich ganz gut, denn wir radeln heute auf der einzigen Landstraße und der Verkehr ist dementsprechend niedrig. An der Straßensperre sitzen sie, essen, rauchen Pfeife, bringen Schilder an und diskutieren ganz friedlich. Ein Mann hat sich seinen Bauchladen aufgeschnallt und läuft die Reihen an parkender Autos ab. Es ist ein guter Geschäftstag. Alles geht sehr friedlich zu, Roberto bittet höflich um Erlaubnis, die Straßensperre durchfahren zu können. Wir dürfen weiter!

Plateau in Michoacán

Die Landschaft verändert sich hier oben recht schnell.

Die zweite Sperre sehen wir schon von Weitem, doch es geht so steil bergauf, dass wir erst Minuten später ankommen. Die Demonstranten feuern uns an und schieben uns noch ein Stück den Hügel hinauf. „Das findet ihr steil?“, fragen sie, „wartet erstmal ab, bis ihr den richtigen Anstieg erreicht!“

Oxxo on a bicycle

In Morelia sind wir nicht die einzigen Radler mit Gepäck.

Es ist ein harter Radeltag, aber wir genießen jeden Moment. Je höher wir hinaufradeln, umso frischer wird es. Das ist uns ganz recht. Kurz vorm höchsten Punkt holt uns der Regen ein. Als wir den Dorfladen erreichen sind wir nass bis auf die Haut. Der Gebäckverkäufer kommt als wir uns gerade einigermaßen abgetrocknet haben. Roberto erklärt drei Jungs aus der Gegend die Fahrräder und ich kaufe vier süße Brötchen für je 3 Pesos.

Cycling Michoacán

Es war dann doch ganz schön frisch in kurzer Hose und T-Shirt.

Wir erreichen das Dörfchen „El Pueblito“ (wortwörtlich „Das Dörfchen“) und ab hier geht es endlich bergab. Schnell erreichen wir Zacapu, eine der ältesten Städte der Gegend. Alejandro zeigt uns sein „Heimatdorf“ (er nennt die Stadt mit seinen fast 100.000 Einwohnern ein Dörfchen), die Lagune, das Stadtzentrum, einige der natürlichen Wasserquellen, aus denen das Leitungswasser der Gegend kommt, und seinen Garten. Hier wachsen Chilischoten, Granatäpfel, Nopales, Limetten und winzige einheimische Kirschen. Jeden Tag kommt Alejandro hierher, um die Hühner zu füttern, Eier einzusammeln und um einfach die Ruhe zu genießen.

Empty secondary road in Central Mexico

Nix los hier oben.

Den Abend verbringen wir bei Alejandros Freund Martin aus Deutschland. Er hat ein deutsches Restaurant eröffnet und sponsert uns je ein Schnitzel mit Salat, Reis und Kräuterbutterbaguette. Wir haben das Restaurant für uns allein und mit jedem Gläschen Wein schallt das Gelächter lauter. Es ist der perfekte Abschluss für den perfekten Radeltag.

The crater lake in La Alberca, Michoacán, Mexico

Kratersee in La Alberca

Am nächsten Morgen flickt Roberto sein Rad. Zurzeit ist das allmorgendliche Routine. Mindestens einmal täglich müssen wir flicken. Im Mantel finde ich auch jedes Mal ein kleines Kabelchen. Unsere Reifen sind nun über 11.000 Kilometer alt, aber meine sind noch fast perfekt in Schuss. Wir schätzen dass es bei ihm am extra Gewicht liegt.

Unsere Wasserflaschen füllen wir direkt an der Quelle, dann geht es weiter. Heute starten wir endlich mal mit einer schön flachen Strecke. Wir radeln auf einsamen Straßen von Dorf zu Dorf. Dazwischen liegen kurze Hügel und Maisfelder. Ich fühle mich wie zurück in Deutschland. Nur die gelegentlichen Palmen und Kakteen erinnern mich daran, dass wir uns in Mexiko befinden.

Fresh spring water in Zacapu

In Zacapu füllen wir an der Quelle die Flaschen auf.

Heute folgen wir wieder einer von google maps vorgeschlagenen Route. Nach knapp 40 idyllischen Kilometern biegen wir auf einen Feldweg ab. Zunächst folgen wir ausgefahrenen Treckerspuren, dann radeln wir auf Rasen und schlussendlich fast über Stock und Stein. Als wir in San Pedro Puruátiro endlich wieder den Aphalt erreichen, erwartet uns ein deftiger Anstieg. Im kleinsten Gang schleichen wir voran.

Flower field

Blumenwiese

Doch der Kampf lohnt sich, bald erreichen wir eine Art Hochebene. Der Wind weht uns um die Ohren, Gras und Blumen wachsen zu beiden Seiten. So schnell kommt man von einer deutschen Landschaft in eine Ebene die mich an die Hochebenen von Armenien erinnert. Gestern erinnerte mich die grüne Landschaft noch an die Westküste Neuseelands und den Norden von Laos. Mexiko ist voller Überraschungen.

Cycling secondary roads and dirt tracks in Central Mexico

Ein bisschen holprig aber die Natur war es wert.

Am Straßenrand grasen die Esel und Pferde und immer wieder kommt uns ein Reiter mit Westernsattel entgegen. In „La Alberca“, einem Dorf mit einem tollen Blik in einen blaugrünen Kratersee, unterhalten wir uns mit einem Bauern, der zwei Jungs beibringt, wie man ein Lasso wirft. In erster Linie baut er Mais an, aber niemand kauft ihm seine Ernte für einen fairen Preis ab.

Rainbow

Regenbogen

Daher essen er und seine Familie ihn nun einfach selbst und verkaufen was übrig bleibt zu einem schlechten Preis. Einmal hat er schon in den USA gearbeitet und er will am liebsten wieder hin, aber ein „Coyote“, der ohne jede Garantie Mexikaner über die Grenze bringt, verlangt nun zwischen 12.000 und 15.000 US Dollars. Wer so viel Geld zahlen kann, der kommt auch in Mexiko gut genug über die Runden.

Cycling offroad in Mexico

Google maps hielt diesen Weg für eine gute Idee. Es waren aber nur ein paar Kilometer, dann ging es zurück auf einen Schotterweg.

Der Wind nimmt zu und der Himmel färbt sich dunkelgrau. Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig, die Regenjacken anzuziehen, da schüttet es auch schon in Eimern. Am Straßenrand entdecken wir einen Maisstand mit Esquites (Becherchen voller Maiskörner) und Mais am Stiel mit Mayonnaise, Käse, Limette und Chili. Mir knurrt der Magen. Wir parken die Räder und schlüpfen unter die aufgespannte Plane. Leider hat die Verkäuferin gerade ihren allerletzten Maiskolben verkauft.

Mexican countryside

Hoffentlich zieht das Gewitter vorbei!

Unter der Plane warten wir alle den schlimmsten Regen ab, dann radeln wir schnell weiter ins nächste Dorf. Wir flüchten unters Vordach eines Ladens und kaufen dem Gebäckmann ein paar Donuts und Hörnchen ab. 10 Pesos zahlen wir für 4 Stück. Im Hipster Teil von Guadalajara haben wir 17 Pesos für ein Gebäckteil gezahlt. Wir teilen das Vordach mit einem sehr schüchternen Mann und mit Jesús, der wild gestikulierend zum fünften Mal erklärt, was „Freundschaft“ bedeutet, und dabei sein halbes Bier verschüttet.

Indoors camping

Heute übernachten wir mal hier.

Jesús bietet uns an, die Nacht im Gebäude nebenan zu verbringen. Dort leitet seine Frau eine kleine Nachmittagsschule. Außerdem ist das Einraum-Häuschen Lager für Düngemittel. Roberto hakt extra noch drei Mal nach, er befürchtet, Jesús könnte am nächsten Morgen bei nüchternem Kopf sein Angebot vergessen haben und uns aus seinem Haus werfen. Nein, nein, er wird sich erinnern. Wir kochen uns ein paar Nudeln und verbringen die Nacht auf dem Boden zwischen tütenweise Scheiße für die Felder.

Yellow flower field in Mexico

Auf dem Weg nach Morelia

Am nächsten Morgen regnet es weiter und erst um 8 Uhr nieselt es nur noch leicht. Wir radeln los, denn wir wollen um 10.30 Uhr in Morelia ankommen. Bald ist auch der letzte Hügel geschafft und von oben sehen wir durch einen doppelten Regenbogen hinunter ins Tal. Wir rauschen hinunter in die Stadt. Der Verkehr nimmt zu, aber im Vergleich mit Guadalajara ist es recht einfach machbar.

Rainbow and dramatic landscape

Wir lassen sowohl den Regen als auch den Regenbogen hinter uns.

Marias Landhaus liegt im Norden außerhalb der Stadt, wir müssen also durch die westlichen Vororte in die Stadt hinein und durch die Nördlichen wieder hinaus. Maria ist die Mutter von Robertos Freundin Andrea. Sie ist vor vielen Jahren aus Deutschland eingewandert und seither geblieben. Ihr Landhaus ist grün und gemütlich, es gibt viel Holz, Gärten, drei Hunde, eine Katze und – ich kann es kaum glauben – Dinkelbrot und Mohnbrötchen.

German bread and French croissants that were very popular in Germany

Mir läuft das Wasser im Munde zusammen.

Denn Maria weiß wo sie was kriegen kann. Wir frühstücken Brot mit Butter, geräuchertem Schinken, Ei, Tomate und Käse. Ich bin völlig aus dem Häuschen. In Morelia ist zwar über die Hälfte der Strecke nach Toluca geschafft, aber noch längst nicht die Hälfte der Höhenmeter. Da haben wir noch einiges vor uns. Mehr dazu im nächsten Blog: Wenn kulinarische Träume wahr werden – Von Michoacán nach Mexiko Stadt

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