Mit dem Fahrrad durch Sumatra Teil 2: Barfuß durch Matsch und Ziegenmist

Children in Sumatra

Ein paar Kinder begleiten uns, bis sie sich zu weit von zu Hause entfernen.

Land: Indonesien

Von Katia Maju Ponga Muan nach Dusun Sungay Limau

Draus gelernt: Wenn die Einheimischen sagen, der Weg sei „etwas holprig“ meinen sie damit keine Schlaglöcher.

Drüber gelacht: Die Weiße mit den Matschfüßen.

Schönstes kleines Wunder: Eine Horde Bücherwürmer zu bespaßen.

Gegessen: Instantnudelsuppe.

Größte Herausforderung: Matsch und Erde.

Geradelte Tage: 1 (mehr geschoben als geradelt)

Geradelte Kilometer: 19,37

Insgesamt bis Dusun Sungay Limau geradelte Kilometer: 13955,91

Reisetage von Bremen bis Dusun Sungay Limau: 800

Dezember 2013: Mit dem Fahrrad durch Sumatra.

Wir verabschieden uns von Sulbakti, seiner Familie und den Nachbarskinden und strampeln los. Alle paar Kilometer überqueren wir eine Brücke, die über einen der unzähligen Kanäle führt. Der Asphalt weicht festgefahrenem Sand und die Brücken über die zahlreichen Kanäle werden immer kleiner.

The kids picked fruit from the trees and showed off their climbing skills. This girl up in the branches won.

Die Kinder pflückten Früchte vom Baum und die beste Klettererin sitzt ganz oben zwischen den Ästen.

Nach etwa sieben Kilometern fehlt eine Brücke, sie wird gerade gebaut. Als Ersatz führt ein schmaler Holzsteg mit löchrigen Planken über den Kanal. Ich traue der wackligen Konstruktion erst, als ich sehe, wie ein Mann seine ganze Familie auf seinem Moped über die schmale Ersatzbrücke fährt.

Von nun an bleiben die wenigen Autos ganz aus. Wir teilen uns den Weg mit Fußgängern, Radlern und gelegentlichen Mopdfahrern. Endlich sind wir in einer wirklich ländlichen Gegend gelandet, fernab von touristischen Hotels, Cocktailbars und Souvenirshops.

Wir radeln über holprige Straßen und durch Pfützen, der Weg wird immer schmaler. Die Leute sehen uns verwirrt nach. Immer wieder halten wir und fragen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind. Auf der Karte sah die gelbe Linie eher nach einer befestigten Straße aus, als nach diesem knapp einen Meter breiten Trampelpfad. Die Anwohner überhäufen uns mit neugierigen Fragen, Smalltalk können wir spartanisch beantworten.

Local traffic in Sumatra

Eine gemütliche Sandstraße. 

„Wohin?“

„Pulau Kijang.“

„….“ (Unverständliches Gemurmel begleitet von einer Handbewegung in die Richtung in die wir fahren.)

„Woher?“

„Kuala Tungkal.“

„Woher? Land?“

„Mexiko und Deutschland.“

„…“ (Ein Moment der Verwunderung.)

„Heiß!“

„Ja, viel Sonne es gibt!“

„Viel Wasser trinken.“

Der Weg wird noch eine Spur schmaler und die Matschpfützen, die so tief sind, dass wir absteigen müssen, werden immer länger. Irgendwann schieben wir durch einen Matschpfad. Links und rechts nichts als hohes Gras. Selten treffen wir auf Menschen, aber wenn doch, fragen wir stets nach dem Weg. Immer geradeaus und an der Kreuzung nach rechts.

Der Weg zur Kreuzung kommt uns endlos vor, doch dann erreichen wir die Straße. Sie ist so breit, dass zwei Autos nebeneinander fahren könnten. Na also! Wir haben es geschafft. Mir klingen Sulbaktis Worte in den Ohren:

„Es kann ganz schön holprig werden, besonders jetzt nach dem Regen!“

Road condition Sumatra

Anfangs liegen noch Öste, Gestrüpp oder gar Holzbretter über einigen Pfützen. Etwas später kümmert sich kein Mensch mehr um den Zustand der “Straße”. 

Knapp 80 Meter radeln wir auf der festgefahrenen Erde, dann bewegt sich kein Reifen mehr. Zu früh gefreut. Die feuchte feine Erde klebt felsenfest an den Reifen und verstopft Schutzbleche und Bremsen. Roberto kann ein paar Stunden später beide Schutzbleche abnehmen, für mein hinteres reicht unser Werkzeug nicht. Wir öffnen beide Bremsen und schieben weiter. Nichts zu machen. Ich kann kaum laufen, da unter jedem Schuh eine zwei Kilo schwere und bestimmt 10 Zentimeter hohe Erdschicht klebt, die sich mit jedem Schritt erneuert, auch wenn ich sie mit einem Stock abkratze. Das Gleiche gilt natürlich für unsere Reifen. Von nun an geht es Barfuß weiter.

Wir versuchen, der klebrigen Erde auszuweichen, schieben durchs hohe Gras, in Reifenspuren, am Rand des Weges, aber nichts hilft. Alle paar Meter müssen wir anhalten, die bepackten Räder mit einer Hand festhalten und mit Stöckchen die felsenfeste Erde zwischen Schutzblech und Reifen abkratzen. Was tun? Zurück nach Kuala Tungkal und mit der Fähre weiter? Nein, bloß nicht nochmal zurück. Oder sollen wir das Gepäck abnehmen und alles einzeln weitertragen? Aber dann würden wir die dreifache Strecke zurücklegen. Ein Mann ermuntert uns. „Nur noch ein paar Kilometer“, sagt er grinsend.

Muddy mudguard

Im Matsch schützen die Schutzbleche uns nur bedingt. Wir versuchen, sie abzunehmen, doch uns fehlt das Werkzeug.

Je weiter wir vorankommen, umso mehr Leute treffen wir und umso länger werden die Kilometerangaben. Als jemand etwas von 10 Kilometern murmelt, hören wir auf, zu fragen.

Am Nachmittag treffen wir zwei Jugendliche, die mit uns laufen. Alle anderen Fußgänger überholen uns in Null-Komma-Nix. „Es ist nicht mehr weit“, beteuern sie immer wieder. Und siehe da – völlig unverhofft erreichen wir ein winziges Dorf, in dem es sogar einen kleinen Tante-Emma Laden gibt. Wir kaufen drei Instantsuppen und essen sie gleich gierig auf. Keine 20 Kilometer haben wir an diesem Tag geschafft.

Die Hauptattraktion des Dorfes und der Treffpunkt der gelangweilten Jugendlichen ist das Fährhaus, eine Hütte mit Dach und einem Steg der in den Fluss führt. Wir sollen die Fähre nehmen, dann sind es nur noch 10 Kilometer bis nach Pulau Kijang. „Nur drei Stunden mit dem Rad!“, muntert uns unser junger Freund auf. Die 15-köpfige Bande an Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die sich mittlerweile um uns versammelt hat, stimmt kopfnickend zu. Der Weg sein von der gleichen „Qualität“, fügt ein junger Mann hinzu. Dann übernachten wir lieber hier unter dem löchrigen Dach, als irgendwo auf den nächsten 10 Kilometern im Matsch.

By the end of the day we saw people again.

Erst am späten Nachmittag sehen wir wieder Menschen und der Pfad wird um einiges breiter.

Wenn wir unsere Räder tragen könnten, könnten wir es in drei Stunden schaffen. Im Normalfall brauchen wir eine gute halbe Stunde für so eine Strecke. Über Matschpfade wird es wohl eher eine Ganztagesexkursion. Ich schiebe mein Rad in den Fluss und kratze es mit den Händen sauber. Unserem jungen Freund fällt fast die Kinnlade aus dem Gesicht. Er hatte wohl nicht erwartet, in seinem Dorf mal auf eine dreckverschmierte weiße Frau ohne Schuhe zu treffen, die halb im Fluss halb auf dem Steg mit den Fingern Hühner- und Ziegenkacke und Matsch von ihrem Fahrrad kratzt.

Überhaupt glaube ich nicht, dass sich viele Ausländer in diese Gegend verirren. Die Gründe dafür liegen auf der Hand.

– Es gibt keine Straßen, keine Busse und keine Möglichkeit, dieses Dorf schnell zu erreichen, es sei denn man chartert ein Boot oder fliegt einen Hubschrauber.

– Die Kinder haben Angst vor uns und auch die Erwachsenen glotzen uns neugierig an.

– Im Tante-Emma Laden wird uns alles zum realen indonesischen Preis verkauft und nicht zu Touristenpreisen. Zum ersten und letzten Mal zahlen wir schlappe 1000 Rupiah (0,06 €) für einen halben Liter Wasser.

This went on forever. It took as nearly all day to get 19 kilometers further.

Keine 20 Kilometer schaffen wir und am Ende des Tages sind wir beide völlig fix und fertig. 

Wir schlingen gerade gierig die letzten Löffel Suppe in uns hinein und überlegen, wo wir die Isomatten ausrollen sollten, als eine Frau auf uns zukommt und uns anbietet, bei ihr zu übernachten.

Klasse! Wir packen und schieben die Räder ein paar Meter zurück. Als allererstes bietet man uns eine Dusche an. Die Indonesier sind unglaublich reinlich und duschen mindestens ein bis zwei Mal an Tag, oft auch drei Mal. Ich werde auf eine Holzterrasse geführt und die Frau schöpft Wasser aus einem sehr großen Bottich in der Küche in eine kleine Wanne auf der Terrasse. Unter der Veranda blubbert schwarzes Wasser. Daher stehen hier alle Häuser auf Stelzen. Ich frage mich, ob das Wasser hier hin gehört oder ob das ein Phänomen der Regenzeit ist.

In der Ecke der Terrasse fehlen zwei Bretter. Ist das Loch im Boden, das direkt in den Tümpel unterm Haus führt, etwa das Klo? Ich sehe mich um. Eine andere Klohütte kann ich nicht entdecken. Gut dass ich alles Wasser im Laufe des Tages ausgeschwitzt habe und nicht auf die Toilette muss, denn jeder Passant kann sehen, was da von der Terrasse einen guten Meter tiefer ins Wasser fällt. Auch am nächsten Morgen verkneife ich mir das lieber. Es gibt einen Sichtschutz aus Bambus, doch die Tür zur Küche geht nicht zu, also dusche ich wieder im Handtuch. Das Waschwasser ist grünlich und jede Menge schmale zuckende Larven schwimmen darin herum. Ich schleppe den Bottich ein paar Meter weiter, sodass das Licht aus der Küche nicht mehr hineinscheint. Manchmal ist es einfach besser, die Dinge nicht ganz genau zu wissen.

Very muddy dirty bicycle

Ich versuche, das Rad zumindest grob zu säubern und brauche ewig für die Reinigungsaktion. 

Wir setzen uns ins Wohnzimmer und werden mit Fragen überhäuft. Nach und nach versammelt sich das halbe Dorf um uns. Ich hole meinen Miniatlas hervor und zeige den Kindern, wo Roberto und ich herkommen. Zusammen mit dem Indonesisch-Wörterbuch, unseren beiden Fotoalben und meinem Notizbuch, macht auch der Atlas seine Runden. Alle wollen blättern und schmökern.

„Apa?“, fragen die Kinder immer wieder und deuten auf eine Seite. Apa bedeutet „Was?“ und Roberto und ich erklären so gut wir können.

Das ist mein Opa.

Das ist eine hingekrakelte Wegbeschreibung auf spanisch.

Das ist ein deutsches Wörterbuch.

Das ist der Hund von Robertos Mutter. Er hat Kleidung an, weil es Winter ist und dann ist es draußen kalt.

Das ist ein Museum in Deutschland.

Das ist ein Strand in Mexiko, in dem Land wohnt Robertos Familie.

Das sind Adressen von ein paar Freunden aus Laos, denen wir Fotos geschickt haben.

Das sind Skizzen von Fahrradteilen.

Das Gekrakel soll der Querschnitt von einer felsigen Lagune sein.

Das ist ein Foto von Schnee im Garten meines Vaters.

Das Highlight ist ein Foto mit den beiden Kindern der Cousine meiner Mutter. Viele kleine Kinder gibt es in meiner Familie nicht und da wir keine eigenen Kinder aufweisen können (mitleidige Blicke von allen Seiten), freuen sie sich dass es überhaupt welche in unserer Familie gibt. Anissa und Elias werden bestaunt und wir werden weiter befragt.

Fernseher, Handy und Kameras gibt es nicht. Die Familie und die Freunde beschäftigen sich miteinander und mit uns statt mit irgendwelchen elektronischen Dingen.

Als Roberto es nicht mehr aushält und in der Ecke einnickt, verschwinden alle so schnell wie sie gekommen sind.

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