Mit dem Fahrrad durch Sumatra Teil 4: Geliebter Asphalt!

El Camino en medio de la Jungla

Auf einer der Dschungelstraßen

Mit dem Fahrrad durch Sumatra Teil 4: Geliebter Asphalt!

Land:  Indonesien

Von Pulau Kijang nach Pemantangreba

Draus gelernt: Öl hat im und am Ventil nichts zu suchen!

Drüber Rein gelacht: Kameras, Handys, Tablets. Ziemlich alles mit einer Linse dran.

Schönstes kleines Wunder: Freiwillige Straßenausbesserer und nach sechs Tagen das erste Straßenschild

Gegessen: Reis.

Größte Herausforderung: Einen nicht ausgebuchten Schlafplatz zu finden

Geradelte Tage: 3

Geradelte Kilometer: 131,99

Insgesamt bis Pemantangreba geradelte Kilometer: 14100,84

Reisetage von Bremen bis Pemantangreba: 804

Dezember 2013: Mit dem Fahrrad durch Sumatra.

 

Wir schlafen lange. Die Klimaanlage brummt und die Mücken interessieren uns nicht mehr. Die finden ohnehin kein freies Stückchen Haut mehr. Sollen sie es doch versuchen, bitte sehr.

Kaum sind wir die ersten Meter geradelt, treffen wir zufällig auf Riidha. Sie hat Schulschluss und ist auf dem Weg nach Hause. Wir halten und fragen nochmal nach dem Weg. Ein Mann malt uns eine sehr akkurate Karte auf, der wir von nun an folgen.

A really cute little girl along the way

Roberto kann es nicht lassen, Leuten in die Wangen zu kneifen. 

Statt einer langgezogenen Matschfläche gibt es nun Betonflecken auf Kieseluntergrund mit gelegentlichen Matschpfützen. Wir radeln mehr als dass wir schieben. Immer wieder halten uns Leute an. Sie wollen Fotos mit uns machen. Eine Gruppe junger Männer steht am Straßenrand. Sie haben ein paar Baumstämme mit alten Motorradketten zusammengebunden und über ein besonders großes Matschloch gelegt. Dafür sammeln sie nun Trinkgeld von den Passanten ein. Wir geben ihnen ein ganz dickes und hoffen, dass sie das motiviert, noch mehr Löcher zu reparieren.

Kurz vor Kotabaru hat Roberto einen Platten. Genau da, wo sich der Weg wieder in ein riesiges Matschfeld verwandelt. Eine schmale tief ausgefahrene Spur zum fahren gibt es, aber Platz zum reparieren finden wir nicht. Wir fragen Simon, der direkt neben der Straße wohnt, ob wir bei ihm im Garten reparieren dürfen und werden prompt zum Übernachten eingeladen. Simon kommt von der Nachbarinsel Java und hat dort englisch gelernt. Mit seiner Frau und den drei jungen Töchtern sprechen wir indonesisch. Ein paar von Simons Freunden kommen zu Besuch und wieder wird gequatscht bis Roberto es nicht mehr aushält und einschläft.

Our host Simon and his two beautiful daughters

Unser Gastgeber Simon und seine beiden zuckersüßen Töchter

Nach zwei Stunden ist er wieder hellwach und wir können beide bis Sonnenaufgang keinen Schlaf finden. Nie wieder werde ich meinen Schlafrhythmus dermaßen durcheinanderbringen.

Um 5.30 Uhr stehen wir auf und kurz darauf sind wir unterwegs. Es ist Mittwoch, ein Wochentag. Dennoch sehen wir jede Menge Kinder, die auf der Straße Drachen steigen lassen. Vermutlich mal wieder ein indonesischer Feiertag.

Heute müssen wir noch weniger schieben als am Vortag. Wieder werden wir angehalten und sollen für Fotos posen. „Deine Schwester?“ fragt einer der Männer Roberto und deutet dabei auf mich. Roberto wird das zu bunt. Immer wieder kommt diese Frage. Er weiß genau, dass wir uns in keinster Weise ähnlich sehen und dass das nur die einigermaßen höfliche aber doch sehr direkte Art ist, zu fragen, ob seine Begleiterin noch zu haben ist. In der indonesischen Kultur verhalten sich Paare in der Öffentlichkeit nicht wie Paare. Wir mussten uns abgewöhnen, uns in der Öffentlichkeit zu umarmen oder gar zu küssen, um die Leute nicht vor den Kopf zu stoßen. Und nun nimmt man daher an, ich sei Freiwild. Vielleicht brauchen wir eine Horde Babys um unseren Status klar zu machen.

Simon, his family and some of his neighbors

Simon, seine Familie und Nachbarn. Genau genommen gehören in Indonesien alle Nachbarn automatisch auch zur Familie. 

Nach einigen Kilometern erreichen wir die Brücke. Sie ist kaum zu verfehlen. Ein Betonmonster, das über den großen Renh Fluss führt. Und nun sehen wir das erste Auto. Die befestigte Straße kann nicht mehr weit sein und riesige Schlammlöcher gibt es von nun an bestimmt nicht mehr. Eine ganze Weile fahren wir noch durch Kiesel und kleine Matschlöcher, dann tut sich eine wunderschöne tiefschwarze Fläche vor uns auf. Asphalt. Drei ganze und zwei halbe Tage haben wir ihn vermisst. Wir feiern. Endlich!

Der Asphalt ist in Tiptop Zustand, Löcher kommen nur vereinzelt vor, es ist flach, relativ windstill und viel Verkehr gibt es auch nicht. Von 8 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit in den Morgenstunden kommen wir nun aufs Doppelte. Wir radeln durch einige Dörfer und halten für frische Rambutan, Mangosteen, Te Es und Milo Es. Schon um 14 Uhr erreichen wir Rengat, die erste größere Stadt. Was die Einwohnerzahl angeht, da hört man immer andere Zahlen. Von 10.000 über 46.000 bis hin zu 295.000 Personen sollen in der hübschen Stadt wohnen. Die dritte Zahl halte ich allerdings für weit überzogen.

Indonesian warning sign

Ein ernstgemeintes Verbotsschild. Mein Indonesisch ist wirklich nicht gut genug. Ich kann nur “verboten” verstehen – Dilarang.

Schon am Stadteingang sind wir völlig überrascht. Es gibt historische Gebäude mit pompösen Gärten, vier öffentliche Mülleimer, einen befestigten Fußweg und kaum noch Stelzenhäuser.

Wir fahren im Zentrum das erstbeste Hotel an. Es ist zwar erst 14 Uhr, doch wir können so eine schöne Stadt ja nicht einfach in wenigen Minuten durchfahren.

Im Hotel werden wir vertröstet. Der Rezeptionist sei nicht da, erklärt uns ein junger Mann, der in der Eingangshalle herumsitzt und fern sieht. Wir sollen es anderswo probieren. Das nächste Hotel ist voll. Das finden wir seltsam, denn die Türen zu den leeren Zimmern stehen offen und die Schlüssel liegen auf der Rezeption herum. Aber vielleicht hat ja eine große Gruppe vorgebucht. Wir werden in ein drittes Hotel geschickt, das wir nie finden. Stattdessen fahren wir nochmal ins erste Hotel zurück, vielleicht ist der Rezeptionist ja mittlerweile zurück. Der fern sehende Mann sitzt nun in der Rezeption und sortiert Zettelchen. Nach einigem hin und her gibt er zu, dass er hier der Rezeptionist ist. Schlafen können wir im Hotel trotzdem nicht. Warum? Hmmm. Voll.

Wir fragen einen Rikschafahrer nach einem anderen Hotel und er weist uns den Weg ins vierte und letzte. Wieder liegen Schlüssel herum, wieder sehen wir nicht einen einzigen Gast, wieder ist das Hotel bis auf das letzte Zimmer voll.

Wir erklären, dass wir unsere Pässe dabei haben, dass wir Bar zahlen, dass unsere Visa gültig sind und dass wir wirklich nicht wissen, wo wir sonst schlafen sollen. Keine Chance. Voll. Und das Mittwoch nachmittags.

Beautiful pavement!

Asphalt!

Der Sohn der Besitzerin fährt mit dem Moped vor in das Hotel das wir nie gefunden haben. Wir folgen ihm. Das Hotel hat eine sehr pompöse Eingangshalle und keine Anti-Ausländer Politik. Sie würden uns einlassen. Vorausgesetzt wir zahlen 300.000 Rupiah für ein Standartzimmer. Das sind fast 20 €. Nach 10 Kilometern Hotelsuche, 85 Gesamtkilometern und drei Abweisungen, rücken wir mürrisch das Geld heraus. Zelten wollen wir jetzt auch nicht mehr. Immerhin gibt es Wlan und Frühstück. Zum ersten Mal in Sumatra.

Am nächsten Morgen erwartet uns eine Überraschung: Ein Speichenbruch. Wir fahren zum Fahrradladen, da der ganze Matsch in den Vortagen die Bremsen leergeschleift hat und wir ohnehin neue Bremsklötze brauchen. Dort lassen wir Robertos Reifen auch gleich zentrieren. Die Mechaniker können das viel schneller und exakter als wir.

Back on track

Endlich haben wir wieder festen Boden unter den Rädern

Wir fahren gerade einmal 12 Kilometer, da brauche ich auch schon eine Pause. Als wir weiterfahren, rutscht Robertos Schlauch unter dem Mantel heraus und verheddert sich in der Bremse. So etwas habe ich noch nie gesehen. Schnell finden wir die Ursache heraus. Die Helden vom Fahrradladen hatten die großartige Idee, das Ventil zu ölen, damit es leichter in die Felge flutscht. Das Öl hat sich nun zwischen Mantel und Schlauch verteilt und so ist der Schlauch in einer engen Kurze einfach aus dem Mantel gehopst.

Während wir putzen und flicken, zieht das allabendliche Gewitter auf. Jeden Abend erwartet uns das gleiche Spektakel, wie in einem Theater, das immerzu das gleiche Stück anbietet. Zunächst arbeiten die Bühnenbauer am Bühnenbild. Der blaue Himmel weicht ein paar weißen und grauen Wolken, bis irgendwann der ganze Himmel von dunklem grau dominiert wird. Begleitet wird das Ganze von vereinzelten Windböen die die Blätter raschen lassen und – für die Zuschauer kaum hörbar – dem sanften Grummeln des ersten Donners.

Sleeping on the floor

Wir finden auch den Boden sehr gemütlich, aber in Rengat will man uns nirgendwo einlassen.

Wenn der erste laute Donner ertönt, haben die Bühnenbauer die Bühne bereits in ein dunkles grau verwandelt. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, das Spektakel kann starten. Der Vorhang öffnet sich und eine der Hauptfiguren betritt die Bühne: es ist heiße und feuchte Luft, die prahlt und stolziert und sich nach und nach über die gesamte Bühne verteilt. Das Publikum buht und das Blitz-und-Donner-Konzert setzt ein. Doch was ist das? Ein weiterer Schauspieler gesellt sich dazu. Es ist der Regen. Zunächst sitzt er klein in seiner Ecke, beobachtet jede Bewegung seiner Gegenspielerin, dann wächst er langsam heran und nach und nach umzingelt er die heiße, schwüle Luft, bis er – völlig unerwartet noch im ersten Akt – seine Gegenspielerin umbringt. Das Orchester spielt nun in voller Lautstärke. Mit der heißen Luft ist es vorbei, nun nimmt der Regen die Bühne ein. Er rumort und wirbelt und sucht nach weiteren Opfern. Seine Schwester der Wind ist die einzige die ihm trotzdem kann. Während das Donnerkonzert auf- und abschwillt biegt der Wind den Regen in alle Richtungen. Ein Machtkampf bricht aus. Die beiden brüllen, lachen, kämpfen, singen, umarmen sich und spielen miteinander. Sie werden erst müde, als die Sonne am nächsten Morgen beide an den Ohrläppchen packt und die Vorhänge schließt. Sie steckt die beiden Streithähne ins Bett und beginnt, auf und hinter der Bühne sauber zu machen, damit das Theaterstück am folgenden Abend wieder von vorn los gehen kann.

Bike shop Rengat, Riau, Sumatra

Die großen Helden vom Fahrradladen

Heute beginnt das Stück etwas früher als sonst. Wir machen uns schnell auf den Weg und nur 2 Kilometer später sehen wir das erste Straßenschild in 6 Tagen auf dem Rad. Wir haben es zur Hauptstraße geschafft!

Gleich darauf entdecken wir ein Hotel. Wir beschließen lieber jetzt Schutz zu suchen, denn der Vorhand würde sich jeden Moment öffnen und wir haben nicht vor, das Stück aus erster Reihe zu sehen. Wer in der ersten Reihe sitzt, muss damit rechnen, dass er an den Haaren gezogen und nass gemacht wird. Dann sehen wir das Spektakel doch lieber aus dem hinteren Teil des Theatersaals, wir waren ohnehin schon oft genug dabei und kennen es mittlerweile auswendig.

Oil in valve makes tube jump out of tyre

Darum sollte man nie Öl ins oder ans Ventil geben!

Doch das Hotel ist voll. Ich traue meinen Ohren nicht. Was ist denn nur mit diesen Hotels los? Wir müssen zurück auf die Straße, in die erste Reihe. Der Himmel ist tiefgrau und das Orchester legt gerade richtig los. Während wir uns beratschlagen, halten zwei Mädchen auf einem Moped. Ratih und Furi wohnen in der Nähe. Sie zeigen uns den Weg zu einem anderen Gasthaus (auch voll) und machen sich dann allein auf den Weg. Wir sollen warten, bis sie etwas für uns gefunden haben. Kaum sind wir nicht mehr dabei, bekommen sie ein okay. Wir folgen ihnen zum Gasthaus, in dem es jede Menge Platz gibt. Abends kommen die beiden wieder und wir unterhalten uns.

Furi hilft neben der Schule in einem der Gasthäuser aus und wir sind die zweiten Ausländer, die sie in ihrem Leben trifft. Der erste war ein brasilianischer Radler. Dabei wohnt sie an der Hauptstraße und arbeitet in einem Hotel. Nun wird uns klar, für wie viele Menschen unterwegs wir die ersten Ausländer gewesen sein müssen.

With our two new friends and helpers

Mit unseren beiden neuen Freundinnen

 

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