Eingestaubt

Roberto bei der Arbeit

Roberto bei der Arbeit

Mit dem Rad durch Laos (Teil 2), Februar 2013

In Laos ticken die Uhren anders. Meinem Gefühl nach ticken sie gar nicht. Die Laoten strahlen eine unglaubliche Ruhe aus. Wir sehen in über drei Wochen Laos keine gestressten Geschäftsmänner oder eilige Autofahrer.

Ruhe am Mekong

Ruhe am Mekong

Gearbeitet wird hart und lange, aber für einen Tratsch mit der Nachbarin, ein Bier mit ein paar alten Freunden oder eine ausgeprägte Dusche unter dem Wasserschlauch ist immer Zeit.

Statue in Luang Prabang

Statue in Luang Prabang

Luang Prabang, die touristischste Stadt, die ich je gesehen habe, ist da keine Ausnahme. Mit all seinen Restaurants, Tourenanbietern und Pensionen hat sie Stadt ihren Charme keineswegs an die Touristen verloren. Im Gegenteil: Das Stadtbild ist traditionell, Restaurants sind mit Bambusstühlen ausgestattet, alte französische Häuser wurden zu gemütlichen familiären Pensionen umgebaut und große Hotelblocks gibt es keine.

Die Residenz des letzten Königs

Die Residenz des letzten Königs

Westliche Annehmlichkeiten wie Internetcafés, Waschsalons und Elektronikgeschäfte reihen sich neben laotische Kochschulen, Bambusmöbelgeschäfte und goldene Tempel. Wir fühlen uns pudelwohl. Die Besitzer unserer Pension nennen sich selbst Mama und Papa und ihnen ist das Wohl ihrer Gäste sichtlich wichtig.

Monks Singing Luang Prabang

Die Mönche singen im Tempel

Papa bringt mir seine Werkzeugsammlung und einen großen Topf Schmiere, als er mich beim Bremsklötze wechseln entdeckt, Mama schneidet Obst und füllt die Gratis-Bananen auf.

Touristin in Luang Prabang

Touristin in Luang Prabang

Als wir nach einer Woche endlich gepackt haben, muss ich meine Vorderbremsen und den Vordergepäckträger komplett auseinandernehmen. Die Bremse hat mir schon eine Weile Schwierigkeiten bereitet und die Ersatzschraube ist mittlerweile komplett rostig. Papa bringt mir seine Schraubensammlung und mittags haben wir es endlich geschafft. En paar Hügel geht es herauf und herunter und nach 25 Kilometern verlassen wir unsere Route 13 um der 4 zu folgen.

Einzigartiges Luang Prabang

Einzigartiges Luang Prabang

Wir fahren nur ein paar Kilometer durch Schotter und Staub, als jemand hinter uns her rennt und „Hey! Hey!“ ruft. Es ist Vong, einer der Schüler der Englischklasse, die wir vor wenigen Tagen besucht hatten. Vong freut sich sehr uns zu sehen und lädt uns gleich zu seinen Eltern nach Hause ein. Er erzählt uns von der traditionellen Lebensweise der Hmong in den Bergen des Landes, von seinem Traum, Kanada und die USA kennen zu lernen und von seiner Motivation, koreanisch und englisch zu lernen.

Wat in Luang Prabang

Wat in Luang Prabang

Wir schlafen auf einer dünnen Matratze unter einem Moskitonetz und sind am nächsten Morgen schon früh auf den Beinen.

Blick auf Luang Prabang

Blick auf Luang Prabang

Die Straße ist weiterhin in schlechter Kondition. Grober Kiesel, zentimeterhoher Staub und Steinbrocken wechseln sich ab, dazu geht es teils steil bergauf. Nach einer Weile radeln wir durch Bauarbeiten. Die dicke Pulverstaubschicht vermischt sich mit nassem Matsch und das Ergebnis sind vier komplett blockierte Reifen. Mehrmals müssen wir die Räder abnehmen und die festgefahrene Dreckschicht unter den Schutzblechen abkratzen.

Der festgefahrene Dreck schleift die Reifen blank

Der festgefahrene Dreck schleift die Reifen blank

Dörfer kommen nun immer seltener, Verkehr gibt es kaum noch. Wir sind von oben bis unten mit Staub bedeckt, als wir nach nur 40 Kilometern endlich zur Kreuzung gelangen. Die Straße soll die neue Verbindung der Route 4 mit der angeblich überlasteten 13 sein. Wir haben sie gewählt, da wir auf weniger Verkehr gehofft haben und da die Berge zwar weit steiler und höher aber dafür nur 40 statt über 100 Kilometer lang sind.

So fern der Hauptverkehrsadern sind die Kinder noch viel neugieriger

So fern der Hauptverkehrsadern sind die Kinder noch viel neugieriger

Endlich haben wir wieder Asphalt unter den Rädern! Wir geben Gas bis mich die erste große Steigung abbremst. Es geht so steil bergauf, dass ich sogar beim Schieben alle 20 Meter Pause machen muss. Als wir endlich ein Dorf erreichen bis ich völlig ausgehungert. Wir stürzen Suppe und mehrere Liter Wasser in uns herein, bevor wir uns auf die Zeltplatzsuche machen.

Als das Radeln noch Spaß machte

Als das Radeln noch Spaß machte

Auf ein paar abgeweideten Feldern schlagen wir das Zelt auf, waschen uns und unsere Kleidung im Fluss und bereiten uns innerlich auf den folgenden Tag vor. Denn die heutigen Strapazen waren nur das Aufwärmtraining für das große Finale. Von 600 auf 1900 Höhenmetern geht es in weniger als 30 Kilometern hinauf.

Unser Zeltplatz

Unser Zeltplatz

Mit den ersten Sonnenstrahlen springen wir aus dem Zelt. Bis ich aber all unsere Wasserflaschen vollgepumpt und wir die Räder von den Feldern auf die Straße transportiert haben, scheint die Sonne wieder erbarmungslos. Wir holpern leicht bergauf. Links von uns türmt sich ein hoher Kieselwall, rechts wechseln sich Felder und Wälder ab. Da kommt die Steigung auch schon in Sicht.

Keine Chance

Keine Chance

Ebenso staubig und holprig wie am Vortag ist sie – doch es geht viel steiler bergauf. Ich fahre im Schneckentempo. Bloß nicht absteigen. Sonst schaffe ich es nie wieder auf den Sattel. Ein großer Stein liegt im Weg, der Lenker verdreht sich und schon sind die guten Vorsätze dahin. Gut, dann schiebe ich eben bis zur nächsten flachen Stelle. Vier LKWs brausen an mir vorbei. Der Staub, den sie aufwirbeln klebt mir in Augenbrauen und Nasenlöchern fest. Ich kann kaum noch etwas sehen, so dicht ist die ockerfarbene Wolke. Als der Verkehr sich legt, erkenne ich Roberto, der weiter oben auf mich wartet. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei unter 3 Kilometern pro Stunde. An einem einzigen Tag schaffen wir es nie und nimmer auf den höchsten Punkt.

Staub und Dreck in allen Ritzen

Staub und Dreck in allen Ritzen

Roberto schiebt in einiger Entfernung vor mir, ich kämpfe mich hinter ihm her. Ich schaffe kaum 30 Schritte ohne anzuhalten und zu verschnaufen. Wo ist die Kondition aus den chinesischen und kirgisischen Bergen geblieben? Roberto hat Mitleid mit mir. „Wenn ich dir irgendetwas abnehmen könnte würde ich das tun!“, versichert er mir. Doch wir müssen beide unser Päckchen tragen.

Ich habe mir so fest vorgenommen, die Räder nie mehr irgendwo einzuladen, es sei denn, es gibt Seen, Flüsse oder Meere zu überqueren. Besonders Roberto, der Stärkere von uns beiden, will es weiter versuchen. Doch als er zu mir hinunterblickt, seufzt er und bietet mir an, einen LKW zu suchen, der uns ein Stück mitnimmt. Ich bin von mir selbst enttäuscht als ich kapituliere.

Roberto muss immer wieder seine Brille putzen.

Roberto muss immer wieder seine Brille putzen.

Wir rollen ein paar Meter hinunter, als meine Vorderbremse den Geist aufgibt. Ich steige schnell ab und schiebe das Rad nur mit angezogener Hinterbremse hinab bis zur großen Baustelle. Die neue Schraube von Papa war scheinbar noch rostiger als die Alte und auch die Unterlegscheibe ist in drei Stücke gebrochen. Während ich beide Bremsen in all ihre Einzelteile zerlege, macht sich Roberto auf die Suche nach Ersatz. Da der Vordergepäckträger an der Bremse befestigt ist, müssen die Schrauben extra robust sein, um dem Druck bei holprigen Fahrten standzuhalten.

Die letzte Einklausmöglichkeit unterwegs

Die letzte Einkaufsmöglichkeit unterwegs

Die Männer sehen verwirrt zu uns herüber, als sie mich mit schwarzen schmierigen Händen an der vermeintlichen „Männerarbeit“ sehen. Um Streits zu vermeiden, haben Roberto und ich beschlossen, dass jeder von uns für die Reparaturen am eigenen Rad verantwortlich ist und der andere erst dann seinen Senf dazu gibt, wenn er ausdrücklich danach gefragt wird.

Nach einer Weile ist meine Bremse wie neu, sogar die völlig verrostete Einstellschraube lässt sich wieder drehen und die Bremse schließt besser als zuvor.

Same Same - But Different. Das trifft in Laos nicht nur auf alle Straßen zu.

Same Same – But Different. Das trifft in Laos nicht nur auf alle Straßen zu.

Roberto steht indessen auf der Straße und versucht, einen der Pick-ups anzuhalten, doch sie winken ihm nur freundlich zu und brausen dann an uns vorbei. Was tun? Sollen wir die 70 Kilometer durch Schlamm und Staub zurückfahren und unser Glück auf der Route 13 versuchen? Als wir gerade beschließen, auf Teufel komm raus diesen Berg hinaufzuschieben, auch wenn es mehrere Tage dauert, hält ein offener LKW. Er will uns über den schlimmsten Berg mitnehmen. Wir laden Räder und Gepäck ein und steigen dazu. Roberto guckt betrübt drein. Er hat es noch kein Mal geschafft, wirklich an seine Grenzen zu stoßen. Ich habe sie hingegen schon mehrmals überschritten.

Die Straße windet sich in luftige Höhen. Die Staub- und Steinschicht bleibt und Dörfer, Läden oder Flüsse sehen wir gar keine. Nur wir ein paar Straßenarbeitercamps und Kieswälle säumen die Straße. Mit unseren mageren Essensvorräten und dem wenigen Trinkwasser wären wir hier zu Fuß auch nicht weit gekommen. Als es bergab geht, ist die Straße für ein paar Kilometer asphaltiert, dann geht die holprige Fahrt weiter. Kurz vor der Stadt Kasi steigen wir aus. Unsere Fahrer wollen ebenfalls in den Süden, aber wir können von hier aus selbst radeln.

Traktor-Tuktuk auf dem Weg nach Vang Vieng

Traktor-Tuktuk auf dem Weg nach Vang Vieng

Es ist früh nachmittags und unsere Mägen knurren laut. Auf dem Marktplatz löffeln wir einen großen Teller Nudelsuppe in uns hinein und spülen mit Kokosnussmilch nach. Danach bin ich völlig geplättet. Ich muss mich setzen, besser noch, hinlegen. Mein Kreislauf spielt verrückt. Wir suchen uns eine Pension und verbringen die Nacht in Kasi.

Am nächsten Morgen fühle ich mich fitter. Es ist viel flacher als noch am Vortag und wir kommen gut voran. Die Landschaft verändert sich schnell. Bewaldete Felsblöcke ziehen auf der rechten Straßenseite auf und weitere grüne Felsformationen nähren sich uns von allen Seiten. Wir sind hin und weg von der Landschaft. Einen Teil des Weges gesellt sich ein junger Schüler zu uns. Er ist auf dem Heimweg von der Schule und trifft sich nun mit ein paar Freunden, um Englisch zu lernen. Mit uns übt er seine Kenntnisse.

Kurzzeitiger Mitradler

Kurzzeitiger Mitradler

Bald haben wir Vang Vieng erreicht, die ehemalige Partystadt. Bars und Hostels gibt es in Hülle und Fülle, doch die Marihuana- und Pilzshakes sind aus den Speisekarten verschwunden. Vor einen oder zwei Jahren noch war Vang Vieng von Halbwüchsigen belagert, die lallend in Badehose die Straßen nach der besten „Happy“ Pizza durchforschten.

Die Landschaft um Vang Vieng

Die Landschaft um Vang Vieng

Heute sieht man kaum noch einen Bikini in der Stadt. Getrunken wird weiterhin, aber der Hauptgrund für einen Besuch in Vang Vieng ist nicht mehr Party ohne Limits, sondern die ganz besondere Natur dort. Um Vang Vieng herum wurden viele Höhlen und unterirdische Flüsse freigelegt. Es gibt zwei Wasserfälle in der Umgebung und mehrere Lagunen.

Vang Vieng

Vang Vieng

Wir finden eine günstige und schicke Bleibe und machen uns gleich am nächsten Morgen auf, um die Lagune kennen zu lernen. Der sieben Kilometer lange Fußmarsch lohnt sich. Das Wasser ist frisch und klar, von einem Seil aus kann man sich nach Tarzan-Art hinein schwingen.

Schmetterlinge fliegen um die Lagune herum

Schmetterlinge fliegen um die Lagune herum

Von einem alten und starken Baum hängen ein paar Schaukeln und mutige wie Roberto springen von einem fünf Meter hohen Ast in die Fluten.

Der Baum fungiert als Sprungbrett und Schaukel

Der Baum fungiert als Sprungbrett und Schaukel

Neben der Lagune beginnt der Anstieg für die Höhle. Sie ist tief und unbeleuchtet. Einen klaren Fußpfad gibt es nicht. Jeder sucht sich eben seinen Weg. Gut dass wir eine Taschenlampe dabei haben. Els wir den Eingangsbereich verlassen entdecken wir in Schein der Taschenlampen Tropfsteine und bizarre Felsformationen.

Mönche in der Höhle bei der blauen Lagune

Mönche in der Höhle bei der blauen Lagune

Wir irren ein wenig durch die Höhle, bis wir auf eine Gruppe Koreaner stoßen, die ebenfalls nach dem Ausgang suchen. Gemeinsam machen wir uns auf die Suche und schon nach wenigen Minuten entdecken wir einen Lichtschein.

Mönche sind auch manchmal als Touristen unterwegs

Mönche sind auch manchmal als Touristen unterwegs

Wir bleiben einen weiteren Tag in Vang Vieng um zu arbeiten, dann machen wir uns früh auf den Weg. Meine Freundin Ann-Cathrin ist bereits in Thailand eingetroffen und wir wollen sie dort treffen.

Eine liegende Buddhastatue

Eine liegende Buddhastatue

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  1. Pingback: Der Mekong. Eindrücke einer Radreise | Tasting Travels

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