Neun oder acht ist ja auch egal

Walle gegen Findorff

Stadtteil Walle, Bremen, Deutschland, August 2011.

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Es ist die 43. Minute, Findorff liegt mit 2:1 auf dem Waller Platz vorne. Die Nummer 17 rennt auf das Tor der Waller zu und Reinhard Partoka trottet ihm hinterher. Fast jedes Wochenende fungiert er auf einem der vielen Bremer Fußballplätze als Schiedsrichter. Der Ball wird abgefälscht, landet im Gestrüpp hinter dem Tor. Reinhard gibt eine Ecke, die ebenfalls daneben geht. Dann pfeift er zur Halbzeitpause. „Früher war ich selbst aktiv als Fußballer, aber nach sechs Knie-OPs war mir das nicht mehr möglich.“, erklärt der 60-jährige, der zwei Jahre lang parallel auch als Trainer gearbeitet hat.

In Deutschland ist Fußball die beliebteste Sportart. 6,6 Millionen Menschen sind im ganzen Land in 26.000 Vereinen aktiv. Kein Wunder also, dass die Nationalmannschaft der Männer schon drei Mal und die der Frauen schon zwei Mal die Weltmeisterschaft gewonnen haben.

Reinhard Partoka

In Bremen gibt es drei Kreisklassen. Das sind die niedrigsten Ligen. Darüber liegen drei Kreisligen, die Bezirksliga, Landesliga, Bremenliga, Regionalliga, dritte Liga, zweite Bundesliga und erste Bundesliga. Reinhard pfeift heute in der dritten Kreisklasse Bremens, manchmal aber auch in der ersten und zweiten Kreisklasse sowie im sogenannten Altherrenbereich. „Wenn Not am Mann ist und der Schiri fehlt, dann pfeife ich auch mal ein Jugend- oder Frauenspiel“, wirft er ein, „für das Team meiner Tochter habe ich auch schon gepfiffen. Das wird dann nicht so eng gesehen, Hauptsache, es pfeift einer“.

Das Feld ist gemäht, Kreidelinien sind deutlich erkennbar, alle Spieler und der Schiedsrichter waren pünktlich vor Ort. „Das ist schon echt gut organisiert“, wundert sich Florian, ein Mittelfeldspieler Walles, der vorher in einem kleinen Verein auf dem Land gespielt hat.

Erst am Vortag hatte Uli, der Trainer des Teams aus Walle, bei Reinhard angerufen und gefragt, ob er spontan ein Freundschaftsspiel pfeifen könne. Reinhard macht der Job als Schiri Spaß und von den 13 € Spesen plus 6 € Fahrtgeld kauft er gerne eine Kleinigkeit für seine Enkelkinder. „Ich mache das mehr aus Spaß und wegen der Gesundheit.“, erklärt der Rentner. Ihm ist es wichtig fit zu bleiben.

Reinhard nimmt einen großen Schluck Wasser und geht langsam zurück aufs Spielfeld. Die Spieler beider Mannschaften haben sich dort bereits versammelt. Ein Pfiff ertönt und die zweite Halbzeit geht los. Gleich in den ersten fünf Minuten liegen zwei Spieler auf dem Boden. „Fooooul!“, rufen die Findorffer entsetzt. „Ich habe doch gar nichts gemacht!“, verteidigt sich der Waller Spieler und bekommt laute Unterstützung seines Teams. Reinhard gibt dennoch einen Freistoß. Ein paar Waller Auswechselspieler ärgern sich. „Hat der denn gar nicht hingeguckt oder was?“ meckern sie. Einer seufzt deutlich hörbar, doch das lässt Reinhard ganz kalt. Er trottet schon längst dem Ball hinterher in Richtung des anderen Tors.

„Ein bisschen gemault wird immer“, weiß Reinhard, „aber Spaß macht es, wenn man das einigermaßen gut über die Runden kriegt, keine Spieler verletzt sind und beide Mannschaften sagen können: ,Der Schiri war okay‘“.

22 Mann auf dem Feld und 23 Zuschauer daneben – die Auswechselspieler eingeschlossen

All zu ernst darf man sich in der dritten Kreisklasse nicht nehmen. Über dieser stehen weitere zwölf Ligen bis hin zur obersten, der Bundesliga. Unter der dritten Kreisklasse gibt es nichts mehr. „Wir sind eine neue Mannschaft, daher mussten wir in der untersten Klasse anfangen“, erklärt Florian, „aber wir machen das ja auch nicht fürs Geld, sondern um Spaß zu haben.“ Auch Reinhard ist froh darüber, nicht höher zu pfeifen. Er kann jeden Sportplatz gemütlich in weniger als einer halben Fahrradstunde erreichen. So kann er auch genüsslich am Vorabend feiern gehen, ohne sich über das alkoholisierte Autofahren zum Platz am nächsten Tag Sorgen machen zu müssen.

In der 85. Minute wird es noch einmal brenzlich: Der Waller Spieler mit der Nummer 8 rennt auf das Findorffer Tor zu, der Findorffer Abwehrspieler mit der Nummer 22 rutscht bei dem Versuch, ihm den Ball abzunehmen aus und landet neben dem Ball auf dem Boden. Die Nummer 8 setzt nach und schießt nur knapp am Kopf des Findorffers und am Tor vorbei. Reinhard pfeift, lässt die Nummer 8 anmarschieren und motzt: „Du, mach mal sachte, das ist ein Freundschaftsspiel!“.

Reinhard in seinem Element

Kurz darauf ertönen drei lange Pfiffe, das Spiel ist aus. Von den 23 Zuschauern, von denen über die Hälfte Auswechselspieler waren, verschwindet der größte Teil schnell. Reinhard setzt sich noch auf die Bank vor dem Vereinsheim. „Auch?“, fragt Uli, der Waller Trainer, und hält ihm eine Bierflasche hin. „Hmm“, brummt Reinhard, nickt dann aber doch und nimmt einen großen Schluck. „Wie ist es denn eigentlich ausgegangen?“, fragt ein Waller Spieler. „9:3 für Findorff.“, erwidert Reinhard. „Neun? Ich habe nur acht mitgekriegt!“, wundert sich der Spieler und guckt verdutzt drein. „Naja, oder acht. Neun oder acht eines von den beiden war’s.“

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  1. Übrigens: Das erste Spiel der Saison hat Walle mit ‎13:1 gegen FC Union 60 III gewonnen.

  2. Pingback: Nine or eight, it doesn’t really matter | Tasting Travels

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