Das 3-Tages Teeservice

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Taschkent, Usbekistan, Oktober 2012, Paketversand in Usbekistan

Ich liebe unnütze Mitbringsel und Geschenke. Vor jedem Souvenirladen verweile ich ein paar Minuten, seufze, betatsche Taschen, Porzellanfiguren und Kerzenhalter, mache ein paar Fotos von meinen Favoriten und verlasse den Laden dann schnellstmöglich wieder. Kaufen kann ich ohnehin nichts. Mein Fahrrad ist auch ohne traditionelle Hüte, fein geschnitzte Backgammonspiele und niedliche Stoffkamele schon schwer genug beladen. Also begnüge ich mich wohl oder übel damit, mir diverse farbenfrohe Mitbringsel anzusehen und sie mit in unserer zukünftigen Wohnung vorzustellen. Ein kleiner Wandteppich hier, eine Miniatur da – wo könnte ich wohl die bunt verzierte Schale hinstellen? „Eines Tages“, sage ich dann jedes Mal zu Roberto, „da werden wir alt und reich sein und wir kommen wieder her, dieses Mal mit einem großen halb leeren Koffer und dann kaufen wir all diese nutzlosen hübschen Dinge“.

Beautiful Carpets

Beautiful Carpets

In Taschkent stand ich wieder einmal vor meinem Teeservice und stellte mir vor, Freunden und Familie darin Tee zu servieren. Schon in Buchara stand ich fast zu Tränen gerührt vor dieser Porzellanschönheit, in Samarkand konnte ich mich kaum von ihm losreißen und nun lagen sie wieder vor mir: sechs dunkelgrüne handverzierte Teeschalen, eine Kanne und zwei große Schalen zum Tragen.
„Nur 50 Dollar“, ertönte hinter mir die Stimme des Verkäufers. Ich drehte mich um. „In Buchara verkaufen sie es für 35“, antwortete ich wahrheitsgemäß weiterhin in Gedanken versunken. Ehe ich mich versah steckte ich schon mitten in den Verhandlungen. „Kauf es“, raunte mir Roberto zu. „Du tust dir doch sonst nie etwas Gutes. Gib dein Geburtstagsgeld für etwas anders als Lebensmittel und Reparaturen aus.“.

„Aber wie soll ich denn …“

„Wir schicken es einfach zu deinem Vater nach Hause!“

Meine Verhandlungen liefen recht gut und als ich den Verkäufer auf 37 Dollar runter gedrückt hatte, fasste ich einen Beschluss. Wenn er es mir für 35 gibt, dann nehme ich es. Er schlug seufzend ein. Ich grinste über das ganze Gesicht. Der Verkäufer steckte etwas Paketpapier zwischen die Schalen und wickelte das Ganze in ein wenig Pappe und viel Klebeband und schon trug ich meinen neuen Schatz zum Postamt. „Leider schon geschlossen“, raunte mir die junge Frau im Schalter zu, „morgen wieder“. Das war Tag eins.

The survivours

The survivours

Am folgenden Tag packte ich ein paar lange Iran-Klamotten, ein ausgelesenes Buch, alte Landkarten und meine Kronkorken-Sammlung zusammen mit dem Teeservice in eine große Plastiktüte und trottete zurück zur Post. Der Tisch stöhnte unter dem Gewicht meines unförmigen Pakets. „Ob ich das wohl nach Deutschland schicken könnte“, fragte ich die junge Frau am Schalter. Binnen kürzester Zeit hatten sich das gesamte Personal und die Hälfte der anderen Kunden um mein Paket versammelt. Interessiert wurde mein provisorisch zusammengeklebtes Bündel wieder aufgerissen und begutachtet. Meine Kirgisischkenntnisse sind nicht sonderlich ausgeprägt, aber „yok“ (Nein) verstehe ich. Kleidung, Buch, Karten, alles kein Problem, das Teeservice konnte ich aber nicht verschicken. Es sei zu zerbrechlich. Dass ich das Risiko auf mich nehme, konnte ich der Dame leider nicht klar machen. Sie schickte mich weiter. Immerhin bekam ich einen ausgetragenen Karton geschenkt, in dem ich meinen Schatz von nun an transportierte.
Ich trottete zurück zum Hostel, warf einen Blick in den Reiseführer des Hostels und machte mich auf den Weg zum internationalen Paketversand.
In der U-Bahn wurde mein schlecht geklebtes Paket noch zwei Mal geöffnet und durchwühlt. Die Sicherheitskräfte nehmen ihren Job ernst. Am Ende hängt das Klebeband nur noch als Verzierung herunter.
Überraschend einfach fand ich einen internationalen Paketservice. „Das sind dann … 65 Dollar für das erste halbe Kilo, 10 für jedes Weitere, bei 4 ½ Kilo macht das … genau 145 Dollar“, erklärte mir der junge Angestellte. Ich war geschockt. Ich hatte einen dicken Stapel Geldscheine dabei, 90.000 Som, wert waren die aber gerade einmal knapp 30 Dollar. „Gelten hier bei allen Kurierdienste die gleichen Preise?“, fragte ich schüchtern und zeigte auf mein plötzlich ganz winzig wirkendes Geldbündel. „Bisschen mehr, bisschen weniger. Kein großer Unterschied“, erklärte er mir. Dann deutete er auf eine verborgene Tür. „Probier mal da, billiger!“, grinste er mich an.
Ich trat durch die Tür. Im großen Raum roch es nach Papier, Klebstoff und Kaffee. Ein Mädchen mit zu viel Make-up und einen markanten Unterbiss verstand kein Wort von dem was ich ihr zu erklären versuchte.
Nach einer Weile rief sie eine englischsprachige Kollegin an und drückte mir den Hörer in die Hand. Für die nächste Dreiviertelstunde würden wir nun zu dritt kommunizieren. „Klar, hier kannst du dein Paket verschicken. Die Bücher, Briefe, Karten und alles, was aus Papier gemacht ist, muss allerdings in ein gesondertes Paket. Und was das Teeservice angeht …“, sie stockte und bat mich, das Telefon an die Kollegin mit dem Unterbiss zurück zu geben. Die beiden unterhielten sich eine Weile, kicherten laut, die Unterbiss-Kollegin führte parallel noch zwei weitere Telefonate und gab mir nach 20 Minuten den Hörer zurück.
„Das Teeservice kannst du hier verschicken, aber du brauchst eine Erlaubnis. Die kannst du ganz einfach im Ministerium für Kultur bekommen. Die machen dort zwar gerade Feierabend, werden aber auf dich warten, wenn du dich beeilst. Meine Kollegin schreibt dir auf, wie du dort hin kommst.“
Die Unterbiss-Kollegin schrieb mir Adresse und Telefonnummer von Danjar auf, der im Ministerium arbeitete. „Ruf ihn an, sobald du auf dem Weg bist! Und beeil dich“. Es war 17.15 Uhr, das Postamt hatte bereits seit 15 Minuten geschlossen.

Filling up papers

Filling up papers

Völlig verdutzt rannte ich in Richtung Straße und hielt nach einigen Minuten erfolgreich ein privates Auto an. Viele private Fahrer nutzen nehmen Mitfahrer mit und kassieren ein paar Soms dafür. Nachdem mein Fahrer seinen ersten Fahrgast am anderen Ende der Stadt aussteigen ließ, fuhren wir endlich zum Kulturministerium.
Das Gebäude war relativ klein und die Tür stand offen. Ich mogelte mich hinein und fragte nach Danjar in Raum 9.

Danjar, ein junger Mann im Anzug, stand auf, als er mich im Türrahmen erblickte. Seine Kollegen drehten sich kurz um, murmelten „Hallo“ und konzentrierten sich dann wieder auf das Fußballspiel in Fernsehen und ihre Schale Tee.
Danjar öffnete wieder mein zerfleddertes Paket, stellte langsam und säuberlich die Schalen in einem Kreis auf und fotografierte sie. Als er mit der Kamera verschwand, waren seine Kollegen noch in ihr Fußballspiel vertieft. Sie hatten seit fast einer Stunde Feierabend, aber nach Hause wollten sie scheinbar noch nicht. Ich vertrödelte die Zeit mit der fetten Katze die durchs Büro streifte.

Papers, papers, papers

Papers, papers, papers

Danjar kam mit einem ausgedruckten Foto wieder und füllte im Schneckentempo einen Stapel Formulare aus, die er anschließend zusammenheftete. Er ließ mich drei Mal unterscheiben und kassierte 40.000 Som von mir, dann drückte er mir endlich meine offizielle Erlaubnis in die Hand. Nach sieben Stunden war auch Tag zwei geschafft.

Busy office

Busy office

Tag drei. Die Unterbiss-Kollegin lächelte, als ich ihr meine neue Errungenschaft zeigte und deutete auf eine Warteschlange. Ganz vorne stand ein Mann von Größe eines Schrankes. Als ich an der Reihe war, packte er mein ganzes Paket wieder aus, ordnete es neu an und füllte es mit jeder Menge Pappe. Er brachte einen Leinensack und steckte das Paket hinein.

Der Sack passte wie angegossen. Dann schnappte er sich Nadel und Faden und nähte die offene Seite gründlich zu. So schnell wie ihn habe ich noch nie jemanden nähen sehen.
Der Schrank tröpfelte roten Kleber auf die Naht und versiegelte die Klumpen mit einem Stempel.

Sew the Package!

Sew the Package!

Ich unterschrieb weitere zwei Formulare, zahlte 55.000 Soms und schrieb Anschrift und Absender auf den Leinensack. Dann winkte ich meinem vollgeklebten Paket zum Abschied zu.

Paying the Parcel

Paying the Parcel

Nur eine Woche später war mein Vater ziemlich überrascht, als der Postbote ihm ein sperriges Paket reichte, das in ein Bettlaken eingewickelt und von Stempeln, Aufklebern in kyrillischer Schrift und Siegeln nur so übersät war.

Fresh Stamp

Fresh Stamp

 

Writing the Destination

Writing the Destination

Leider hat der Schrank ein wenig mit der Pappe gespart. Von den neun Teilen kamen nur zwei unversehrt an. Doch es reicht immer noch für eine kleine Teerunde, die anderen sieben Teile werden dann eben das Regal verschönern.

 

In Germany

In Germany

So liebe Leser, wenn ihr gerne einen grünen Tee in einer original usbekischen Tasse trinken möchtet, seid ihr gerne herzlich eingeladen, uns zu besuchen, sobald wir irgendwo eine feste Bleibe gefunden haben.

An Uzbek Teaset

Leider haben nur drei Teile die Reise überstanden: die Kanne und zwei kleine Schalen.

 

Broken, but beautiful

Broken, but beautiful

 

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