Kavala-Ein Käffchen trinken gehen

Geschäftige Bar in Kavala

Kavala, Griechenland, Dezember 2011

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Als wir die Grenze nach Griechenland passieren bin ich sehr aufgeregt. Es ist nun schon fast fünf Jahre her, als ich das letzte Mal im Geburtsland von Zeus, Odysseus, Sokrates und Homer war. Wir nehmen die erste Ausfahrt von der Autobahn, um an einer Tankstelle eine Straßenkarte zu kaufen. Die erste Tankstelle ist geschlossen, also folgen wir der Landstraße zur Zweiten. Auch dort haben wir kein Glück. Wir fahren weiter durch zwei kleine Dörfer. Auch dort können wir keinen geöffneten Laden entdecken, es gibt nicht einmal Menschen auf der Straße. Sogar die Hunde, die uns gewöhnlich bellend und knurrend hinterherlaufen, würdigen uns keines Blickes. Alles was wir sehen sind abgeerntete Baumwollfelder und die Zugschienen, die parallel zur Straße verlaufen. Hier und da durchqueren wir weitere Dörfer und sehen schlussendlich die ersten Menschen auf der Straße. Ich lächle und sage „Kalimera! – Guten Morgen. Die Antwort ist ein freundliches Nicken.

Ein trauriges Bild, das nichts mit dem quirligen Griechenland voller geschäftiger Cafés und lachender Menschen zu tun hat, das ich von meinem letzten Besuch im Kopf habe. Schließlich erreichen wir eine kleine Stadt und finden eine geöffnete Taverne, wo wir uns eine Portion Moussaka gönnen. In Hintergrund brummt griechische Musik, am Nachbartisch streitet ein älteres Paar. Oder sie erklären einander sehr laut ihre Liebe, wir können es nicht sagen. In der Eckte feiern ein paar Freunde einen Geburtstag und zwei Kinder spielen Fangen und rennen in die Küche. Ich lächle – das ist das Griechenland, das ich kenne.

Ein paar junge Leute genießen Kaffee, eine Zigarette und ein gutes Gespräch.

Am nächsten Tag erreichen wir Thessaloniki. Es gibt viel Verkehr und die Stadt ist voller lachender Menschen, die sich mit Tsipouro zuprosten. Nachts gehen wir mit unserem Gastgeber Gael und unseren Mit-Couchsurfern Pascale und Philip zum Abendessen in eine kleine Taverne. „Die Krise hat uns viele Gäste geraubt“, beschwert sich Popi, die Besitzerin des Restaurants. „Früher war der Laden immer voll, jetzt haben die Leute nicht mehr genug Geld um zu kommen.“ Spät in der Nacht machen wir uns auf den Heimweg. Die Straßen sind voller feierwütiger junger Menschen, viel mehr, als in den anderen Städten, die wir auf dem Weg besucht haben. Worüber konnte sich Popi also beschweren? 160 Kilometer weiter östlich in Kavala finden wir es heraus.

In Kavala leben etwa 70.000 Menschen und es gibt etwa 30 Bars und jede Menge Restaurants. Touristen gibt es weniger als im Süden des Landes oder auf den Inseln. In keinem anderen Land auf dem Weg haben wir so viel Auswahl an Cafés und Bars gehabt. Nun, da es weniger Geld und mehr Arbeitsstunden gibt, haben die Griechen zum ausgehen weniger Zeit und Geld als früher. Dennoch – in jedem Café sitzen zumindest ein paar Menschen.

Johny, der Freund von unserer Gastgeberin Athina, nimmt einen Schluck Whiskey und erklärt uns: “Wir Griechen lieben es, auszugehen.

Whiskey und Kaffee sind die beliebtesten Getränke der Griechen – nicht Ouzo

Wir leben in der Nacht und tun uns schwer damit, morgens aufzustehen. Das Abendessen dauert mehrere Stunden und fängt gewöhnlich so gegen 21 Uhr an. Wir arbeiten ungern morgens, weil wir gerne bis spät feiern. Und nachts arbeiten wir auch nicht gerne, denn dann wollen wir ausgehen. Und nachmittags brauchen wir eine lange Pause.“ Johny grinst, leert sein Glas und bestellt bei der Kellnerin ein Neues. „Das griechische Wort für Arbeit ist Doulia, mit der Betonung auf dem A. Betont man stattdessen das I, so ändert sich die Bedeutung ein kleines bisschen und das Wort bedeutet Sklaverei. Wenn du das verstehst, dann verstehst du die Griechen. Wir wollen so wenig arbeiten, wie nur möglich und möglichst viel Freizeit haben, um uns mit unseren Freunden und Familie zu treffen. Das Leben finden auf der Straße statt, in den Cafés und Bars.“ … wenn sie denn geöffnet sind. Die meisten Läden haben zwischen 14.00 und 17.30 Uhr Mittagspause. Montags und mittwochs bleiben sie sogar den ganzen Nachmittag lang geschlossen. Einige Cafés haben angefangen, diese Öffnungszeiten zu übernehmen. Ich bin nicht sicher, ob es clever ist, ein Café zu schließen, während alle anderen auch frei haben. Aber als Deutsche ist es nicht leicht, mit Griechen über Arbeitsmoral zu sprechen, denn die Kanzlerin Merkel ist nicht sonderlich beliebt in Griechenland. Wenn die Leute uns fragen, woher wir kommen, ist die Reaktion auf meine Antwort meist ein nicht sonderlich erfreutes „huh“mit einem Seufzer oder ein Augenrollen gepaart mit dem Wort „Merkel“. Glücklicherweise kommt Roberto aus dem weit exotischeren Mexiko und die Reaktion auf seine Antwort lässt die Menschen meine Herkunft gleich wieder vergessen. Normalerweise ist es entweder „Tequila“ oder „Wo ist denn dein Sombrero?“.

Die meisten Bars bleiben jedenfalls auch nachmittags geöffnet. Die Leute müssen nun hart arbeiten, um sich den Luxus des Ausgehens leisten zu können. Johny und Athina arbeiten sehr viel, sie haben fast die ganzen Weihnachtstage im Büro verbracht. Auch sie machen eine lange Nachmittagspause, arbeiten dann aber bis um 21 Uhr weiter. Die meisten Geschäfte haben die gleichen Öffnungszeiten. Sie sind geschlossen, wenn wir etwas kaufen wollen, öffnen aber wieder, wenn wir schon längst im Schlafanzug auf der Couch sitzen und einen Tee schlürfen. Manche Kioske, Kantinas und Obststände haben sogar sonntags und an den Weihnachtstagen geöffnet.

Eine der gemütlichen Bars in Kavala

Die Menschen wollen so wenig wie möglich arbeiten und gleichzeitig jede Menge Zeit und Geld haben, um so viel wie möglich auszugehen. An einem öffentlichen Ort mit all seinen Freunden zu sein, ist was die Griechen am meisten genießen, so erklärt mit Johny. Die Bedeutung des sozialen Lebens außerhalb des eigenen Hauses ist der Grund für die Vielzahl an Bars, Cafés und Tavernen. Nun, da es zum Luxus geworden ist, 3,50 € für eine heiße Schokolade auszugeben, gehen die Menschen in den Städten weniger aus – aber dennoch viel öfter als in allen anderen Ländern, in denen ich war.

Auf dem Weg nach Alexandroupolis fahren wir wieder durch karge Landschaft und leere Straßen. Einige gelangweilte Hunde drehen sich nach uns um und die leeren Baumwollfelder scheinen kein Ende nehmen zu wollen. Endlich wird uns der Grund für die scheinbaren Geisterdörfer klar: es ist ein Feiertag, genau wie der Tag, an dem wir nach Griechenland gefahren sind und auch zwischen Thessaloniki und Kavala lag ein Sonntag. Wir haben Glück und finden eine geöffnete Kantina, wo wir zwei Brötchen mit Souvlaki bestellen. Viele Menschen stehen und sitzen um den fahrbaren Stand herum, unterhalten sich, rauchen und trinken Tsipouro und Kaffee. Wir unterhalten uns mit der Verkäuferin. Sie arbeitet schon den ganzen Tag und will sich nach Feierabend mit ihrer Freundin auf ein Käffchen oder zwei treffen.

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