Attacke der Blutegel

Team Leech Defense right before their first operation

Das Blutegelverteidigungsteam vor seinem ersten Großeinsatz

Land: Thailand
Von Aranyaprathet nach Bangkok
Draus gelernt: Auf dem Weg durch die Vorstädte hilft auch der beste Stadtplan nicht wenn er nur das Zentrum zeigt.
Drüber gelacht: Vier gestandene Männer die sich fast in die Hose machen vor Angst vor kleinen Tierchen
Schönstens kleines Wunder: Weihnachten im Juli
Gegessen: Mexikanisches Essen und jede Menge thailändische Gerichte von Straßenständen
Größte Herausforderung: Zwei wundgefahrene Hintern
Geradelte Tage: 2 1/2
Geradelte Kilometer: 252.36
Insgesamt bis Aranyaprathet geradelte Kilometer: 11650,75
Reisetage von Bremen bis Aranyaprathet: 663

Mit dem Rad durch Thailand Teil 2: Von Aranyaprathet nach Bangkok

Ich könnte es locker ein paar Wochen in Aranyaprathet aushalten. Die Grenzstadt ist eine riesige positive Überraschung für mich. Wir laufen durch den Nachtmarkt, trinken klebrig süßen Eistee im Seven Eleven, schwimmen im Pool und Roberto lässt sein Hinterrad für schlappe 1,25 € neu zentrieren, weil mal wieder einige Speichen gebrochen sind.

Aber unsere irischen Freunde Donal und Brian aus Bangkok planen einen Ausflug in den Nationalpark Khao Yai und wir wollen sie begleiten. Also packen wir unsere sieben Sachen und machen uns auf den Weg nach Bangkok.

Annika and Roberto on a Tandem Bike

Unterwegs treffen wir ein weiteres radelndes Paar aus Frankreich. Die beiden sind mit dem Tandem unterwegs und ließen uns gleich mal das Riesengefährt probetreten. Wir beschränken uns lieber aufs Sitzen. Sonst währen wir wohl nach drei Metern mit Sack und Pack umgefallen. 

Gegen Mittag kommen wir los. Nach wenigen Stunden ist der Verkehr ruhig, die Straße einspurig und die Dörfer immer weiter voneinander entfernt. Am frühen Abend erreichen wir ein Dorf mit einem Tempel. Eigentlich ist es noch zu früh um Feierabend zu machen, wir haben noch lockere 45 Minuten Zeit bis zum Sonnenuntergang, aber ich bezweifle dass wir so bald ein anderes Dorf erreichen. In der Tempelanlage sehe ich mich verblüfft um. Kleine bunte Bungalows stehen auf gemähtem Rasen, Blumenbeete und Bäume säumen das Gelände. Nur die orangen Mönchsroben an den Wäscheleinen versichern mir, dass wir nicht versehentlich in einem luxuriösen Resort gelandet sind.

Einer der Mönche spricht Englisch und wir fragen nach einem Zeltplatz für die Nacht. Der Mönch geleitet uns zu einem Raum den er als „garage“ bezeichnet. In Wirklichkeit handelt es sich aber um ein großes Gebäude mit Waschräumen, ein paar Buddhastatuen und einem einzigen geparkten Auto. Platz hätte es bestimmt für 10-15 Autos gegeben. Mehrere Ventilatoren hängen an den Wänden und es gibt Tag und Nacht Elektrizität.

Camping in a temple in Thailand

Statt einer bescheidenen Zeltstelle schlafen wir in einem riesigen, fast schon luxuriösen Raum voller Ventilatoren. 

Als die Mönche um 4 Uhr aufstehen, schlafen wir noch tief und fest. Erst gegen 6.30 Uhr sitzen wir auf den Rädern. Für die ersten 30 oder 40 Kilometer kommt nicht ein einziges Dorf. Gut dass wir am Vortag schon so früh angehalten haben.

Gleich morgens bläst mir der Gegenwind ins Gesicht und es wird leicht hügelig. Bald verlassen wir aber unsere kleine Straße und radeln auf einer mehrspurigen Schnellstraße weiter. De Autos überholen uns so schnell, dass ihr Fahrtwind uns voran treibt. Wir machen Tempo und ich bekomme das verrückte Gefühl, dass ich ewig weiter radeln könnte. Die körperliche Anstrengung gibt mir einen Kick und ich fühle mich glücklich, stark und zu allem bereit. Nichts kann mich stoppen, ich fahre schneller und schneller. Die Straße selbst ist langweilig und wir halten höchstens alle 20 Kilometer für Wasser, Erfrischungen oder einen Snack.

Genau bei Sonnenuntergang erreichen wir 140 Kilometer. Den letzten Tagesrekord hatten wir in Griechenland aufgestellt, er lag bei schlappen 132 Kilometern. Wir wollen zufrieden Feierabend machen, aber es will sich einfach keine Schlafmöglichkeit auftun. Also radeln wir weiter, fragen hier und da, machen ein paar Kehrtwendungen, fragen uns weiter durch, essen an einem Tankstellenshop zu Abend und strampeln weiter und weiter. Es ist 22 Uhr, als wir nach 164 geradelten Kilometern ein Hotel finden. Mittlerweile befinden wir uns in Min Buri, einem Vorort von Bangkok. Was für ein verrückter Tag.

164 kilometers cycled

So sehen müde Radler nach einem Rekordtag aus. Aber dafür können wir ganz wunderbar schlafen.

Ein Zimmer soll stolze 535 Baht kosten. Von Kambodscha sind wir es gewohnt für 4-7 Dollar pro Nacht zu übernachten, also fragen wir nach einem kleineren Zimmer oder einem billigeren Gasthaus in der Nähe, doch wir haben kein Glück. Es gilt 535 Baht zu zahlen oder weiterzuradeln. Nach einigem hin und her entscheiden wir uns, zu bleiben. Am nächsten Morgen rechne ich mit klarem Kopf noch einmal nach und kann nicht fassen, dass ich drauf und dran war, nachts um 22 Uhr weiterzuradeln, um die Kosten von 13,75 € zu vermeiden. Wir sind einfach von den günstigen Zimmerpreisen in Kambodscha völlig verwöhnt.

Hotel in Min Buri

Mit wundgefahrenen Hintern aber ohne Muskelkater geht es am nächsten Tag weiter.

Unsere Muskeln halten erstaunlicherweise gut durch, von Krämpfen oder Muskelkater keine Spur. Wir verbringen den Morgen mit Garry aus Australien, der in Thailand die Liebe seines Lebens und die Liebe zum Leben selbst gefunden hat und die Zeit fliegt. Erst nachmittags um 14 Uhr machen wir uns auf den Weg. Weit ist es nicht mehr bis zu Brians Haus, doch uns fehlt es an der Orientierung. Ich habe eine detailreiche Karte der Bangkoker Innenstadt sowie eine gute Thailandkarte, doch ich habe keine Ahnung, wie ich von Min Buri aus den Weg ins Zentrum finden soll. Wir radeln unter Brücken und Hochbahnen hindurch, überqueren riesige Kreuzungen, lesen bestimmt 20 Schilder die zum Flughafen zeigen und versuchen aus den Wegweisern in andere Vororte oder Stadtteile schlau zu werden. Warm steht denn auf keinem einzigen Schild „Innenstadt“ drauf? Wieder fragen wir uns durch und strampeln vier Stunden lang durch Staus und überfüllte Kreuzungen, bis wir bei Sonnenuntergang Brians Haus erreichen.

Fast drei Monate ist es her, dass wir Brian und Koy das letzte Mal sahen und die Wiedersehfreude ist groß. In der Zwischenzeit hat Brian uns einen großen Gefallen getan und ein Paket für uns von der Post abgeholt und nach Hause geschleppt: unser Sponsoringpaket von Unterwegs! In Null-Komma-Nix sitzen wir beide auf dem Fußboden, bewaffnet mit Schere und Kamera. Zwischen uns das gut verklebte Paket. Brian ist genauso gespannt wie wir – ein paar Wochen lang lag das mysteriöse Paket nun ungeöffnet bei ihm zu Hause. Roberto setzt den ersten Schnitt an und sechs Augen funkeln erwartungsvoll. Wir fühlen uns wie am Weihnachtsabend.

Sponsoring parcel from Unterwegs

Seit Januar war unser Paket auf dem Weg zu uns. Der chinesische Zoll hat den Versand immer weiter hinausgezögert und wir mussten uns das Paket von dort nach Bangkok weiterschicken lassen. Doch nun ist es endlich geschafft!

Zum Vorschein kommen vier nagelneue Fahrradtaschen für vorne und jede Menge Kleidung aus Merinowolle. Diese Wolle hält den Körper warm wenn es kalt ist und kühl wenn es heiß ist. Außerdem stinkt sie nicht, was für Reiseradler die nicht selten ungeduscht im Zelt liegen, ein riesiger Vorteil ist.

Roberto on one of the hiking trails in Khao Yai Nationalpark in Thailand

Roberto auf einem der Wanderwege

Zwei Tage später können wir unsere neue Ausrüstung gleich ausprobieren. Gemeinsam mit Donal, Brian und ihrem Freund Sherlock fahren wir (mit dem Auto) in den Khao Yai Nationalpark, einem grünen Ort voller Vögel, Wild, Wanderwegen, Regenwald, Elefanten, Wasserfällen und – wie wir am dritten Tag herausfinden sollten – Blutegeln.

Beautiful nature in the Khao Yai National Park

Die Natur im Khao Yai National Park

Ich hatte schon von den Blutegeln gelesen und nehme daher lange Leggins, Kniestrümpfe, Wanderschuhe, ein Feuerzeug und eine Filmdose voller Salz mit zum Wandern. Die anderen nehmen es leichter und bleiben bei kurzen Hosen und Sandalen.

The deer were not afraid of people

Überall im Park treffen wir auf diese gar nicht so scheuen Geschöpfe

Wir haben noch nicht einmal den ersten Kilometer hinter uns, als ich einen schrillen Schrei vor mir höre. „Denvir! Hilfe! Was soll ich nur tun? Hilf mir, na los, beeil dich! Denvir!” Sherlocks Augen sind voller Panik als der kleine Blutegel unerschrocken sein nacktes Schienbein hinauf krabbelt. Zwei weitere Blutegel wandern bereits auf durch seine Sandalen. „Salz! Wo ist das Salz?”, kommt Donal seinem Freund zur Hilfe.“Wir haben hier einen Salznotfall! Salz! Jetzt!“ Statt Sherlock zu helfen blicken wir alle erst einmal auf unsere eigenen Füße und Beine. Das ist der Moment der die allgemeine Panik auslöst. Brian reißt die Blutegel mit den bloßen Händen von seinen Füßen, andere versuchen es mit Salz, einige rennen panisch in Kreisen, wieder andere hantieren mit einem Feuerzeug gefährlich nahe an den Beinhaaren herum. Ich hocke mich hin und suche nach einem Stöckchen um die Blutegel von den Wanderschuhen zu schubsen. Das ist nicht gerade der schlauste Einfall des Tages, da der Boden voller Blutegel ist, aber ich habe ja schließlich drei Schichten übereinander gezogen: Leggings, Kniestrümpfe und lange Hosen. Den Mutantenblutegel will ich erst einmal sehen, der durch diese Barrikade kommt.

A leech crawls on the floor

Die Blutegel sind auf dem Boden bestens getarnt. Mal ehrlich, wer hätte diesen hier erkannt?

Wir Menschen haben generell Angst vor allem Ungewissen und allem was keinen Sinn macht und als der erste von uns sich umdreht und den Rückweg antritt, folgen alle anderen ohne nachzudenken. Einer von uns fängt an zu rennen, die anderen folgen, halten an, um die Beine und Füße zu überprüfen und rennen dann noch schneller weiter, um die Gruppe mit dem Salzvorrat nicht zu verlieren. „Nimm bloß nicht die Abkürzung“ ruft Sherlock rüber zu Brian, „da habe ich mir ganz viele eingefangen!“. Brians Gesicht wird kreidebleich bevor er mit einem riesigen Satz aus dem Gebüsch zurück auf dem Weg springt. Am Ende des Ausflugs beklagen wir zwei verwundete Soldaten mit drei Blutegelwunden. Ich komme unverletzt davon. Die neuen Leggings haben ihre erste Feuerprobe bestanden.

A leech bite is harmless but bleeds for a long time.

Eine Blutegelwunde ist harmlos, aber sie blutet lange.

Ich kann mich nicht zurückhalten und schmettere den anderen „ich hab euch doch gewarnt!“ zu. Zwei Tage später finden wir immernoch Blutegel im Auto. Sie krabbeln alle zu mir. Das ist wohl die Rache für meine Überheblichkeit.

On our last day we discovered a hidden gem: A waterfall to swim in. Neck massage included

Am letzten Tag entdecken wir ein gut verstecktes Plätzchen das zu unserem großem Favorit wird: einen Wasserfall zum Baden – Nackenmassage inklusive.

Zurück in Bangkok genießen wir die Vorteile der Großstadt. Wir gehen ins Kino, Koy verpasst uns je einen klasse neuen Haarschnitt, wir tanzen Salsa, kochen ein mexikanisches Abendessen und werden sogar zu einer Poolparty eingeladen.

Wir haben eine grandiose Zeit bei Brian und Koy, lernen viel über die irische Kultur, indem wir uns durch alle Father Ted Episoden gucken und machen Pläne für einen Radurlaub in Irland irgendwann in der Zukunft.

A giant spider in Khao Yai

Eine Riesenspinne auf dem Weg zum größten Wasserfall des Nationalparks

Eine gute Nachricht jagt die andere. Nach endlos langer Suche finde ich eine bezahlbare Lenkertasche, in die die wasserdichte Tonne auf den Zentimeter genau hineinpasst. Dank dieser und den neuen Vordertaschen schrumpft mein Gepäckvolumen ordentlich zusammen und der Vorderbau wir viel einfacher zu steuern. Durch den Radladen kommen wir auch in Kontakt mit Ben, der für einen lokalen Fernsehsender arbeitet und ein Interview mit uns machen will.

Goy and her Salon in Bangkok

Koy verpasst uns zwei klasse neue Haarschnitte. Ich hatte meinen bitter nötig. Der letzte Haarschnitt ging in Serbien im November 2011 gründlich in die Hose und seither wuchs eine wilde Matte auf meinem Kopf. 

Wir buchen unsere Neuseeland-Flüge und verlängern den obligatorischen Zwischenstopp in Australien von ein paar Stunden auf drei Wochen. Am 18. Oktober geht es also von Kuala Lumpur nach Melbourne und am 10. November von Sydney nach Christchurch.

Bevor wir buchen, müssen wir aber erst all unsere Ausrüstung wiegen. Gut dass vor jedem Seven Eleven Laden eine öffentliche Waage steht. Wir radeln also mit Sack und Pack hin und wieder jede einzelne Tasche.

What do the weird foreigners do wth all those bags and bikes on the public scale?

Was machen die seltsamen Ausländer denn jetzt schon wieder? Warum hieven sie all das Gepäck und die Räder auf die Waage?

Unsere gesamte Ausrüstung wiegt 55 Kilos und die Räder 18,3 und 20,4 Kilos. Dazu kommt unser eigenes Gewicht. Wir haben seit der Abfahrt in Bremen je 15 Kilos abgenommen.

Hoch motiviert von unserem langen Radeltag sind wir sicher, auch im Eiltempo nach Malaysia zu kommen.

Mexican Dinner party at Brian's with some old and new friends

Mexikanisches Abendessen mit alten und neuen Freunden bei Brian zu Hause

Dort werden wir uns schon bald mit meinem Freund Apit und später mit Robertos Familie treffen. Also gilt es feste zu strampeln, denn wir haben über 1000 Kilometer bis zur Grenze vor uns.

 

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  1. Wirklich klasse! Dieser (und auch die bisherigen) Reiseberichte lassen sich ganz hervorragend lesen und Dank der Fotos reist man förmlich mit. Der Part mit den Blutegeln hat mir am besten gefallen. Lustig und so beschrieben, dass man sich die Szene gut vorstellen kann. Diese Dinger kenne ich nur aus irgendwelchen Filmen und fand sie schon immer schrecklich! Ich wäre da auch panisch und kopflos herumgelaufen! Ihr mach ja wirklich eine höchst bemerkenswerte und höchst zu beneidende Reise. Wünsche Euch alles Gute für die Weiterfahrt und schreibt weiterhin so tolle und mitreißende Berichte!!!

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