Mit dem Rad durch Australien Teil 6: Ab nach Sydney

Accompanying Adventure Runner Kay from Japan on his final run into Sydney

Die letzten Kilometer zum Opernhaus

Mit dem Rad durch Australien Teil 6: Ab nach Sydney

Land: Australien

Von Gerringong bis Sydney

Draus gelernt: Auch für ein 2m2 Zelt gibt es nicht immer Platz

Drüber gelacht: Wellenbad versus Rockpool

Schönstes kleines Wunder: Eine spontane Übernachtungseinladung

Gegessen: Corona, Huhn und Campingessen

Größte Herausforderung: Einen Reifen ohne Pumpe aufzupumpen

Geradelte Tage: 3

Geradelte Kilometer: 115,81

Insgesamt bis Sydney geradelte Kilometer: 16808,07

Reisetage von Bremen bis Sydney: 889

 

Charlie and Robert from Gerringong

Charlie und Robert

Wir verabschieden uns von unseren neuen Freunden und radeln los. Zunächst geht es zurück auf den Princess Highway, der nun einer ausgewachsenen Autobahn gleicht. Neben der Standspur gibt es noch eine extra Fahrrad-Spur und auch an Ein- und Ausfahrten bekommen wir unsere eigenen Überwege, sodass wir gefahrlos radeln können.

Bike path with hairpin bends

Es gibt sogar extra Radler Serpentinen, um von der Straße aus auf Höhe der Autobahn zu gelangen.

An der zweiten Ausfahrt verlassen wir die Autobahn und fahren durch Wohngegenden, Industrie und Parks. Oft gibt es weiterhin einen extra Radweg und so erreichen wir bald Wollongong, die größte Stadt zwischen Sydney und Melbourne an der Küstenstraße. Der Leuchtturm ist von weitem sichtbar, doch wir radeln einfach daran vorbei, denn wir müssen vor Sonnenuntergang einen Schlafplatz finden.

Everything is forbidden

Verboten!

Überall lesen wir Schilder, auf denen alles aufgelistet ist, was so verboten ist. Hunde, Drachen steigen lassen, Glasflaschen und natürlich zelten gehören dazu. Das Allzweckfeld ist voller Leute, da heute ein Turnier für die jüngsten Touch-Football Spieler ausgetragen wird. Da können wir schonmal nicht übernachten. Wir steuern einen Campingplatz an, der eher einem Resort gleicht. Es ist beinahe dunkel als wir endlich die Rezeption finden. „Alles voll“ wird uns versichert.

Bike path sign Australia

Der Radweg war klar ausgeschildert

Wir fragen nach anderen Möglichkeiten. „Alles was wir brauchen sind 2-3 m2 für unser Zelt“, versichern wir den beiden Damen und hoffen auf eine kleine Rasenfläche vor den Toiletten, im Eingang oder im Durchgang. Keine Chance. Die Damen bleiben hart und zeigen keinerlei Mitleid mit uns. „Dann müsst ihr eben weiter. Aber hier könnt ihr nicht übernachten!“. Alleine auf die ungenutzte Rasenfläche vor der Rezeption hätte unser Zelt locker 4x gepasst.

Roberto in Wollongong

Roberto in Wollongong

Wir stürmen zurück aufs Rad, es dämmert schon. Schnell erreichen wir einen weiteren Campingplatz, aber die Rezeption ist schon geschlossen. Wir suchen den Zeltplatz und während ich das Zelt aufbaue, sucht Roberto die Sicherheitsmänner, die Patrouille laufen. Er will Bescheid sagen, dass wir am nächsten Morgen gleich zur Rezeption gehen und unsere Nacht bezahlen, obwohl wir ohne Check In auch keine Schlüssel für die Toilettenhäuschen haben. Der Sicherheitsmann ist jung, arrogant und sehr mürrisch und schmeißt uns im hohen Bogen raus. „Das geht wegen der Versicherung nicht“, grummelt er, „und jetzt ab mit euch!“

Wollongong Bike Path

Auf dem Wollongong Radweg

Wir können es kaum fassen, es gab jede Menge Platz und dennoch schmeißt man uns raus? Wir sind nun wütend und strampeln durch die tiefe Nacht. Rechts von uns eröffnet sich ein weiter offener Platz. Ob es ein See oder eine Wiese ist, erkennt man im Dunkeln nicht, also fragen wir eine Frau, die in der Nähe wohnt. „Kein Problem“, sagt sie, „ich werde ein Auge offen behalten, falls jemand kommt“.

Free camping in Australia

Ruhig, friedlich und gratis. So gefällt uns das Zelten

Wir haben sogar unseren eigenen Wasserhahn und erst am nächsten Morgen sehen wir, dass wir nur ein paar Hundert Meter vom Meer entfernt gezeltet haben. Der Sonnenaufgang ist wunderschön und in den bewaldeten Hängen am Horizont spiegelt sich das Licht im Nebel.

Foggy hills

Nebel in den Hügeln

Wir radeln los nachdem ich wieder mal einen Platten versorgt habe. Da unsere Luftpumpe kaputt ist, nutze ich die Schaumpumpe, die wir nun fast 2 ½ Jahre lang ungenutzt mit uns herumschleppen. Mit dem Schaum ist der Reifen nicht ganz so vollgepumpt. Eine nette Radlerin namens Cecile hält und leiht mir ihre Gaspumpe, die dem Reifen schlussendlich genug Druck gibt, um weiterradeln zu können.

Roberto loves the rockpools

Roberto genießt den Rockpool

Ich will an der nächsten Tankstele mehr pumpen, aber fürs erste ist es wohl ganz gut, dass der Reifen nicht zu vollgepumpt ist, da ich vermute, dass sich ein kleines Kabelchen im Mantel versteckt hat, dass sich erst bei viel Druck in den Schlauch bohrt und das zu klein ist, als dass ich es sehen kann.

Swimming in an Australian rockpool

Schwimmen im Rockpool

Wie auch in Bermagui, gibt es in Bully, also keine 3 Kilometer hinter unserem Zeltplatz, einen Rockpool, einen Pool zum Schwimmen, der halb ins Felswatt gebaut wurde, sodass bei Flut das Wasser darin täglich mit frischem Meerwasser überschwemmt wird.

Wir haben noch einen Tag und einen Morgen um Sydney am gleichen Tag wie Kay, der japanische Renner, zu erreichen. Er hat uns eingeladen, seine letzten 10 Kilometer gemeinsam mit ihm zu fahren und wir wollen ihn gerne unterstützen. Doch ein paar Minuten zum Schwimmen sind drin und wir gleiten die Bahnen auf und ab. Der Rockpool verfügt über Umkleidekabinen mit Duschen und wir sind nun froh, dass wir keinen Cent fürs Zelten ausgegeben haben, da wir auch so gut übernachten und duschen konnten.

There's several beaches along the way

Einer von unzähligen Stränden

Es ist schon komisch. Da wird extra ein Pool ins Meer gebaut, damit man beim Schwimmen nicht mit den Wellen zu kämpfen hat. In Norddeutschland aufgewachsen, habe ich als Kind das Wellenbad geliebt, in dem künstlich Wellen im Schwimmbad erzeugt werden, da wir im flachen Watt der Nordsee kaum Wellen kennen. Das Gras im Nachbargarten ist wirklich immer grüner.

Australia, a Surfer's Country

In Australien gibt es unglaubich viele Surfer

Als wir fertig sind, spricht Roberto ein nettes Paar an und fragt nach dem nächsten Radladen oder Tankstelle mit Luftpumpe. Die beiden heißen Craig und Gayanne und wir quatschen eine Weile. Craig fragt, wo wir denn die Nacht verbringen wollen. Wir erklären unseren Plan, so dicht wie möglich an der Stadt zu zelten, sodass wir es am folgenden Tag nicht mehr weit bis zum Treffpunkt mit Kay und seinen Freunden haben. Gayanne und Craig wohnen mit ihren drei Kindern in Sutherland, dem südlichsten Vorort Sydneys, der sowohl an die Stadt als auch an die Natur grenzt.

Fixing Roberto's bike - again!

Wir müssen mal wieder Robertos Rad reparieren

Sie laden uns spontan ein, die Nacht bei ihnen zu verbringen. Es ist nicht weit bis Sutherland und Craig meint, dass es am frühen Abend gut passt, auch wenn wir es locker bis Mittags schaffen könnten wenn wir es eilig hätten. Wir sind begeistert und radeln bald hoch motiviert weiter. Der Radweg, dem wir seit Wollongong folgen, verläuft in großen Teilen direkt am Mer und verbindet Bucht mit Bucht, Strand mit Strand und Ortschaft mit Ortschaft.

Beautiful bike paths south of Sydney

Der Radweg ist unglaublich gut ausgebaut und verläuft oft direkt am Meer

Es ist ein sonniger und warmer Tag und wir halten noch mehrmals um zu baden – einfach weil es uns so gut gefällt, weil wir die Zelt haben, weil die Strände so einladend sind und weil wir nicht wissen, wann wir wohl wieder so viel im Meer schwimmen können.

Es ist leicht hügelig und wir genießen jeden Meter. Kurz vor der Seacliff Bridge, für die die Ostküste Australiens bekannt ist, halten wir für ein Foto und Roberto findet eine Luftpumpe auf dem Boden neben einer Bank. Wir sind die einzigen Besucher und freuen uns riesig über diesen Zufall. Viele Radler gibt es wohl nicht, die es schaffen, ihre Pumpe kaputtzupumpen und Tags darauf eine neue zu finden. Die neue Pumpe pumpt sogar französische Ventile, mit denen Roberto nun fährt.

Roberto on the Sea Cliff Bridge

Roberto auf der Seacliff Brücke

Die Brücke ist an den steilen Felshang gebaut und schlängelt sich über die Brandung. Die Aussicht ist wirklich wunderschön und wir fahren heimlich auf dem Fußweg, da dort der Blick aufs Meer viel schöner ist, als von der linken Fahrspur.

Lange geht es steil bergauf, aber der Blick war die Anstrengung wert.

Lange geht es steil bergauf, aber der Blick war die Anstrengung wert.

Kaum liegt die Brücke hinter uns, geht es auch schon bergauf. Der Weg ist schmal und sehr stark befahren. Durchschnittlich ist es steiler als 10% und ich kämpfe nicht schlecht. Die letzten Meter laufe ich. Oben wartet Roberto schon auf mich. Neben uns befindet sich die Absprungplattform für Paraglider, die mit ihren bunten Fallschirmen hinunter zum Meer gleiten. Dann erreichen wir den Royal Nationalpark, der an die Vororte Sydneys grenzt und voller langer und kurzer Wanderwege ist.

Paragliding in Australia

Von hier aus stürzen sich die Paraglider in die Lüfte

Er ist einer der ältesten Nationalparks der Welt und wir genießen die Ruhe. Gay und Craig sind abends zum Essen eingeladen und plötzlich müssen wir uns ganz schön beeilen. Dennoch schlagen sie vor, uns mit einem Anhänger entgegenzufahren, denn wir haben noch einen weiteren steilen Anstieg vor uns, der uns viel Zeit kosten wird.

Wir springen also sofort wieder auf die Räder und genießen die lange und flache Abfahrt mitten durch den Wald. Die Straße windet sich am Fluss entlang und ich könnte ewig so weiterfahren.

Roberto macht erstmal Fotopause

Roberto macht erstmal Fotopause

Kurz vor dem langen Anstieg kommen uns Craig und sein Sohn Jackson entgegen. Sie zeigen uns das ganze Haus, sagen wir sollten unbedingt noch eine Runde im Pool drehen und uns ganz wie zu Hause fühlen. Gay hat extra für uns Abendessen und jede Menge Corona Bier eingekauft und bald macht sich die Familie auf zu ihrer Essenseinladung. Heute Morgen erst haben wir die sie kennen gelernt und heute Abend lassen sie uns allein in ihrem Haus. Wir sind hin und weg von so viel Vertrauen. Wir trinken ein paar Corona und machen es uns gemütlich. Nach dem Abendessen erzählen wir von unserer Reise und Craig sagt, dass es für ihn wichtig ist, seinen erwachsenen Kindern zu zeigen, wie Reisen und Vertrauen den Charakter stärken können.

Annika, Jordan, Jackson, Gayanne, Carly, Craig and Roberto

Annika, Jordan, Jackson, Gayanne, Carly, Craig und Roberto

Wir schlafen super und nehmen am nächsten Morgen den Zug für die letzten 30 Kilometer durch die Vororte. Exakt um 10.30 Uhr erreichen wir den Treffpunkt, wo Kay schon mit fünf seiner Freunde auf uns wartet. Einige wohnen in Sydney und umzu, andere sind extra aus Japan angereist.

Accompanying Adventure Runner Kay from Japan on his final run into Sydney

Die letzten Kilometer zum Opernhaus

Sie alle wollen die letzten 14 Kilometer bis zum Opernhaus mit ihm rennen. Wir genießen die ruhige Fahrt und bewundern sowohl Kay mit seinem schweren Trolley, als auch seine Unterstützer, die mal eben so 14 Kilometer rennen. Ich denke, ich hätte wohl schon nach zwei Kilometern schlapp gemacht – ich bin eine gnadenlos untalentierte Läuferin.

Bald sehen wir das Opernhaus am anderen Ende der Bucht und Kays Augen leuchten. Es ist fast geschafft. Über 5000 Kilometer hat er hinter sich und er ist müde. Das bindet er natürlich niemandem auf die Nase, aber man sieht es ihm an. Je näher wir ans Opernhaus kommen, umso mehr weicht die Müdigkeit in seinem Gesicht purer Aufregung. Die letzten paar hundert Meter lang begleiten uns noch mehr Leute und direkt vorm Opernhaus steht ein ganzer Fanclub, die japanische Presse und Kays lange vermisste Verlobte.

Es ist geschafft! 5000 Kilometer hat Kay nun hinter sich.

Es ist geschafft! 5000 Kilometer hat Kay nun hinter sich.

Er rennt durch die Ziellinie und dann geht ein Marathon an Fotos, Reden, Gratulationen, Interviews, noch mehr Fotos und jeder Menge Umarmungen und höflichen Verbeugungen los. Wir bleiben eine knappe Stunde, dann machen wir uns auf den Weg zu Mark und Chrissie.

Adventure Rummer Kay in Sydney

Mit Kay und seinen Freunden und Bekannten machen wir uns auf den Weg zum Opernhaus

Die beiden haben wir von nun über einem Jahr in Kirgisistan kennen gelernt und mit ihnen haben wir eine Nacht im kleinen Dorf Sary Tash am Pamir Gebirge und eine weitere in Etagenbetten im Niemandsland der chinesischen Grenze verbracht. Was wir nicht wussten, war, dass die zweite Nacht ihr erstes Hochzeitsjubiläum war.

Empathy somewhere in Sydney

Empathie in Sydney

Mark holt uns mit dem Rad in der Stadt ab und wir haben natürlich viel zu bequatschen. Abends treffen wir Chrissie in einem Park und grillen ausgiebig. Wir bleiben neun Tage lang in Sydney, kochen fast täglich mexikanisches und deutsches Essen, besuchen ein paar wirklich gute Museen, besuchen Robertos mexikanischen Freund Peque und seine Freundin Cara, putzen wieder unsere Räder, Taschen, Zelt und Schuhe von oben bis unten (auch Neuseeland hat strenge Quarantäneregelungen), besuchen ein Quiz in einem Pub und radeln am Fluss entlang in die westlichen Vororte.

With Kara, Peque, Jose and Mark

Mit Cara, Peque, Jose und Mark

Mark, der für die Stadt arbeitet, lädt einige Kollegen, die mit dem Bau der Radwege in Sydney beschäftigt sind, ins Rathaus ein und wir halten eine Präsentation, die sehr gut ankommt.

Presentation with Sydneys Bike Route Planners

Präsentation im Stadthaus mit Sydneys Radwegplanern. Unten rechts: Mark und Chrissie

Mit dem Wetter haben wir nicht zu viel Glück, meist ist es grau und regnerisch, was sehr untypisch für Sydney im Februar ist, aber uns nicht wirklich viel ausmacht. Als der Abflugtag anbricht, haben wir das Gefühl, dass wir wiederkommen wollen. Hoffentlich klappt es eines Tages.

By bike to Sydney

Geschafft! Wir sind nach Sydney geradelt!

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