Radreisebericht von Mengla nach Luang Prabang

Mit dem Rad durch Laos (Teil 1), Februar 2013

Hagel löst den Regen ab. Die Tropen sahen gestern noch vielversprechender aus. Ich krame die Regenjacke wieder heraus. Zum Glück sind die Fahrradtaschen wasserdicht. Die ersten fünf Kilometer fahren wir im Regen, dann kommt die Sonne raus. An den Bananenplantagen biegen sich grüne Bananen gen Sonne, Palmen säumen die Dorfeingänge und Lianen hängen von den Laubbäumen. Unter meiner Regenjacke schwitze ich nicht schlecht. Wir geben ordentlich Gas. Als die kleinen Dörfchen von einer künstlich wirkenden Stadt abgelöst werden, weiß ich: die Grenze ist nicht mehr fern.

Bananenplantage

Bananenplantage

Fast drei Monate haben wir in China verbracht. Meine Pläne waren groß. Das halbe Land wollte ich erradeln. Nebenher wollte ich Tai Chi, Ma-Jongg und Kung Fu lernen, auf der großen Mauer spazieren, durch die Reisterrassen radeln und mindestens 100 Worte chinesische gelernt haben. Die Realität sieht anders aus. Viel zu viel Zeit haben wir mit Visaverlängerungen, Robertos neuem Reisepass und diversen Reparaturen vertrödelt. 150 Stunden verbrachten wir in Bussen oder Zügen. Das sind über sechs ganze Tage! „Von nun an werden die Räder geradelt und nicht mehr verfrachtet – komme was wolle“, schwöre ich mir.

Wir sind traurig, das schöne China verlassen zu müssen, aber wir freuen uns auch auf neue Abenteuer in einem Land, von dem wir kaum etwas wissen: Laos.

An der Grenze geht alles ganz schnell. Dass Robertos Visum im alten und ungültigen Pass klebt, stört den Beamten nicht und schon donnert der Ausreisestempel in die leeren Seiten des neuen Passes.

Ab nach Oudomxay

Ab nach Oudomxay

Wir drehen uns noch einmal um und verlassen dann das Land der Feinschmecker, Pandas und verrückten Autofahrer. Auf der laotischen Seite sieht die Welt gleich ganz anders aus. In einer kleinen Hütte werden Visa on Arrival ausgegeben, im Fenster daneben tippt ein Beamter alle Daten in eine völlig abgenutzte Tastatur. Nur F8 und F9 sind noch lesbar. Gegenüber liegt ein Bretterverschlag der das Plumpsklo darstellt. Zu erreichen ist er über ein Holzbrett, das über den schlimmsten Schlamm führt. Wie schon in Armenien kleben die Visa bereits im Pass während wir noch unsere Formulare ausfüllen. Erst als alle Stempel gesetzt sind grinse ich Roberto erleichtert zu. Wir haben es rechtzeitig geschafft.

Hängebauchschwein

Hängebauchschwein

Nach wenigen Kilometern halten wir am erstbesten Restaurant. Ich habe einen Bärenhunger, zeige mich durch die Küche und nutze ein letztes Mal meine mickrigen Chinesisch Kenntnisse. Gegenüber wechseln wir unsere Yuans in Kips und sind überrascht als wir fast eine Million davon erhalten.

Hier werden Bambusspitzen verkauft

Hier werden Bambusspitzen verkauft

Nach einer knappen Woche im Transit lechzt es uns nach Ruhe und Zeit. Das zweite Straßenhotel an den wir halten, wird gerade eröffnet. Wir sind die ersten Gäste und sehen zu, wie die Matratze ins Zimmer transportiert wird. Abends setzen wir uns auf den Parkplatz, gönnen uns je eine Flasche leichtes Beerlao (das laotische Bier) und genießen den Blick auf die andere Straßenseite in den Dschungel.

Am nächsten Morgen wird ausgiebig ausgeschlafen und gefrühstückt. Während die frisch gewaschene Radhose trocknet werden die Räder auf Vordermann gebracht. Nachdem sie blitzeblank geputzt sind, ziehen wir auch noch alle Schrauben nach. So viel Aufmerksamkeit haben sich unsere beiden treuen Begleiter wirklich verdient.

Auf dem Weg

Auf dem Weg

Erst am frühen Nachmittag steigen wir auf die Räder. Ich kann unser Glück kaum fassen – einfach alles ist perfekt! Wir sind gesund, die Räder heile, es gibt kaum Verkehr, die Straßenverhältnisse sind bestens, das Wetter warm aber nicht zu heiß, die Straße ist hügelig und kurvig, aber nicht zu bergig und die Menschen winken uns von allen Seiten zu.

An einem Straßenstand halten wir und kaufen Babybananen und Yambohnen, eine Wurzelart die ich aus Mexiko kenne und die dort Jicama heißt. Außerdem verkaufen die Frauen verschiedene Arten lebendiger Hühner, Bambusspitzen, geröstete und getrocknete Mäuse, Nüsse und die widerlichste Frucht der Welt. Der bittersaure Geschmack vergeht lange nicht und zudem fühlt es sich an, als hätte ich eine Perserkatze im Mund – bah!

Unser Schlafplatz

Unser Schlafplatz

Als es Abend wird haben wir noch immer keine Schlafmöglichkeit gefunden. Wir halten Ausschau nach einem Restaurant, neben dem wir uns ausbreiten können, denn so können wir auch die Toiletten mitbenutzen. Kurz bevor es dunkel wird, fahren wir bergauf und immer weiter bergauf. Dörfer gibt es keine mehr. Bald schalten wir unsere Lampen ein – wild zelten können wir vergessen. Im Dunkeln fahren wir an allen schönen Stellen unbemerkt vorbei. Als der Sternenhimmel komplett ist, entdecken wir eine einzelne verlassene Hütte am Straßenrand. Zwei Wände gibt es noch und im Dach klafft ein großes Loch, doch die winzige Hütte ist scheinbar unbewohnt. Wir breiten unsere Isomatten aus, hängen die nassgeschwitzten Klamotten an die Bambuswände und blicken durch das Loch im Dach in einen so klaren Sternenhimmel wie wir ihn schon lange nicht mehr gesehen haben.

Schlafplatz

Abgesehen von einem Auto alle zehn Minuten hören wir nichts als das Rauschen des Windes und das piepsen, rascheln, krächzen, grunzen und flöten der Dschungelbewohner um uns herum. „Unsere“ Hütte steht auf vier kurzen Stelzen und erschwert es so den wilden Tieren, unsere Bananenvorräte aufzufuttern.

Wolkenmeer

Wolkenmeer

Noch vor Sonnenaufgang wachen wir auf. Im Tal hat sich ein Wolkenmeer gebildet, das es fast mit der Aussicht vom Emei Shan aufnehmen könnte. Wir reparieren Robertos platten Reifen zwei Mal, denn scheinbar steckt irgendwo etwas unentdeckt im Mantel, das sich immer und immer wieder in den Schlauch bohrt.

Pannenfreie Reifen gibt es einfach nicht

Pannenfreie Reifen gibt es einfach nicht

Wir radeln 35 Kilometer stramm durch bevor wir zum Frühstücken halten. Auch in Laos ist das Essen an Straßenständen oft billiger, als selbst zu kochen. Einen Straßenstand haben wir schon länger nicht mehr gesehen, also halten wir an einem vielversprechenden Restaurant mit Blick auf den Fluss. Wir essen zusammen drei Gerichte und trinken Bier mit Limette und Chilipulver.

Roberto liebt Jicama

Roberto liebt Jicama

Dazu gibt es die Jicamas mit Limone, Chili und Salz. Roberto fühlt sich wie in den Süden Mexikos teleportiert und genießt die sanfte Brise. Wenige Kilometer später entdecken wir eine Tourismusinformation. Eigentlich wollten wir nur durchradeln, nun beschließen wir, stattdessen eine Nacht in der Stadt Oudomxay zu verbringen.

Lebensbaum vor dem Watt von Oudomxay

Lebensbaum vor dem Watt von Oudomxay

Aus einer Nacht werden drei, denn unsere Pension hat einen Internetanschluss und wir haben viel Arbeit nachzuholen. Am vierten Tag fahren wir dann wirklich weiter.

Stupa in Oudomxay

Stupa in Oudomxay

Auf dem Weg liegt ein Wasserfall mit einem nicht sonderlich kreativen Namen. „Kilometer 11“ heißt er, denn er ist 11 Kilometer von Oudomxay entfernt. Er ist klein und verlassen, aber ein Eintrittsgeld von einem Euro wird trotzdem verlangt.

Erstmal ausruhen

Erstmal ausruhen

Wir genießen den Schatten und beobachten die Schmetterlinge. Weiter geht es, die Straße ist nur teilweise asphaltiert, den anderen Teil machen schroffe Steinpisten aus. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und aus den Augen. Kaum zu glauben, dass wir vor nicht einmal zwei Wochen noch Schals und Handschuhe trugen.

Im Wasserfall 11

Im Wasserfall 11

Am frühen Nachmittag haben wir es nach oben geschafft. Wir freuen uns nur kurz über die Abfahrt, denn dank des miesen Straßenbelages kommen wir kaum schneller voran als bergauf. Vorbei geht es an kleinen Dörfern, wo Frauen und Kinder grüne Äste zu Besen verarbeiten, Männer in Unterhosen unter hoch angebrachten Wasserhähne duschen, Kinder in den Flüssen plantschen, Frauen dort die Wäsche waschen und baden und alle uns „Sabaidi“ zurufen, laotisch für „Hallo“.

Roberto erkundet das Dorf

Roberto erkundet das Dorf

Gewohnt wird in Hütten auf Stelzen mit Dächern die mich an schwer an norddeutsches Reet erinnern. Die Wände und den Fußboden bilden einzelne gerade und sehr stabile Bambusstiele mit gewebten und getrockneten Bananenblättern. Zwischen den Häusern laufen Hängebauchschweine, Wasserbüffel und Hühner frei herum. Kinder spielen mit den winzigen Schweinebabys während wir im Slalom um die Kühe herumfahren.

Laotisches Dorf. Wo sind denn alle?

Laotisches Dorf. Wo sind denn alle?

Am frühen Abend haben wir die Abfahrt fast hinter uns. Wir haben aus den vergangenen Tagen gelernt, dass die Dunkelheit in Laos sehr plötzlich kommt und fragen zur Sicherheit eine Familie nach einem Zeltplatz. Wir kochen die letzte Instantsuppe und schlafen früh. Am nächsten Morgen gilt es einen weiteren Berg zu bezwingen. Zum Glück ist es den ganzen Tag über bewölkt, so schaffen wir es bis zum frühen Nachmittag. Erst nach der Abfahrt wird die Straße wieder gut befahrbar.

Kleiner Abstecher auf einen noch schlimmeren Weg

Kleiner Abstecher auf einen noch schlimmeren Weg

Wir radeln eine Weile bis wir einen klasse Zeltplatz finden. Zwei Mopedfahrer mit Harpune bringen uns von unserem Vorhaben ab. Es sei hier viel zu gefährlich, sagen sie. Wir glauben nicht so recht daran, denn bisher haben wir uns in Laos sicher gefühlt, radeln aber dennoch weiter. Wer die Harpune im Gepäck hat, muss es ja besser wissen.

Unsere "Autobahn"

Unsere “Autobahn”

Gleich im nächsten Dorf finden wir ein flaches Plätzchen. Die Bewohner lassen uns abpacken, scheuchen uns dann aber zum Haus schräg gegenüber. „Na toll“, denke ich „jetzt wollen die uns bestimmt in eine Pension verweisen“. Falsch gedacht. Der Bürgermeister des Dorfes hat vor einem knappen Jahr einen belgischen Radfahrer bei sich aufgenommen. Er war begeistert von der Erfahrung und möchte nun auch uns für eine Nacht sein gemütliches Heim anbieten. Stolz zeigt er uns die Postkarte des anderen Radlers, die in seinem Haus einen Ehrenplatz hat.

Unser Gastgeber Chang Sok und unser englisch sprechender Freund und Vong

Unser Gastgeber Chang Sok und unser englisch sprechender Freund und Vong

Unsere Weihnachtskarte aus China hängt er gleich daneben. Wir freuen uns sehr über seine Gastfreundschaft. Zwei weitere Dorfbewohner gesellen sich zum Abendessen zu uns. Einer der beiden hat ein privates Stipendium für die Universität ergattert und spricht sehr gut englisch. Er erklärt uns, wie wir den klebrigen Reis, das laotische Nationalgericht, mit den Händen zu Bällchen formen können und ihn anschließend in die verschiedenen Soßen dippen.

Wir genießen eine Dusche über dem Plumpsklo bevor wir unter den Mückenschutz kriechen. Am nächsten Morgen bereiten unsere Gastgeber eine Zeremonie für uns vor. Sie murmeln ein Gebet und krümeln uns klebrigen Reis und Brot auf den Kopf. Anschließend bekommen wir je vier weiße Bändchen um die Arme gebunden. Die sollen uns dabei helfen, unsere 32 Seelen, die oft herumirren, wieder zusammenzubekommen, denn wir werden sie alle für die Weiterfahrt gebrauchen.

Tractor-Tuktuk

Tractor-Tuktuk

Wir verstehen allerdings kein Wort, fühlen uns dennoch sehr bewegt. Nach dem Frühstück fühlen wir uns erstaunlich fit. Liegt wohl daran, dass all unsere Seelen wieder im Körper vereint sind. Die Berge liegen vorerst hinter uns, aber die Hügel sind auch nicht zu verachten. Flachland gibt es keines.

High Five

High Five

Wir beschließen, die knapp 90 Kilometer bis nach Luang Prabang an einem Tag durchzuziehen, ohne uns zu sehr beeilen zu müssen. Gut, dass die Laoten immer früh aufstehen. Unterwegs halten wir ein paar Mal, essen Reispuffer, Bananen Papayasalat und Wassermelone und am Nachmittag sehen wir die ersten Pensionen.

Unterwegs gibt es immer etwas zu Essen

Unterwegs gibt es immer etwas zu Essen

Zum chinesischen Neujahrsfest sind Haufenweise Chinesen in Laos unterwegs. Die Straßen sind voller Autos aus Yunnan und Sichuan und auch die Pensionen sind plötzlich überfüllt. Wir haben Glück und ergattern ein günstiges Zimmer mit Ventilator in einer Pension nahe des Flusses Khan, der kurz später in den Mekong fließt. Hier treffen wir auf Martina und Tim, die wir schon aus Oudomxay kennen und freunden uns mit Juan aus Argentinien, Enni und Vesa aus Finnland und Tang aus Frankreich an.

Wasserfall

Martina, Tim, Roberto, Annika, Vesa, Enni und Teng beim Wasserfall

Gemeinsam radeln wir zu einem 20 Kilometer entfernten Wasseafall, besuchen das Museum der Stadt, schlemmen günstig auf dem Nachtmarkt und klettern einen weiteren noch imposanteren Wasserfall hinauf. Die Tage vergehen wie im Flug, die unerledigte Arbeit türmt sich und schlussendlich bleiben wir eine geschlagene Woche, um nachzuholen, was wir versäumt haben.

Es gibt so viel zu entdecken in Luang Prabang

Es gibt so viel zu entdecken in Luang Prabang

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  1. Florian W. says:

    Mensch, da bekomm ich ja richtig Fernweh! Auch wenn’s teilweise sehr abenteuerlich aussieht… 😉

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