Mit dem Rad durch Australien Teil 4: Papageien, Stachelrochen, Kängurus und ein Hai
Land: Australien
Von Genoa bis Narooma
Draus gelernt: Auch Niesel und Gegenwind können von Vorteil sein
Drüber gelacht: Die 1000000 Regeln des Crickets
Schönstes kleines Wunder: Die Vogelmusik und Düfte im Wald
Gegessen: Tee und Kekse, Obst, zwei Liter Eis, Pizza aus dem Steinofen
Größte Herausforderung: Der Berg
Geradelte Tage: 6
Geradelte Kilometer: 238,66
Insgesamt bis Narooma geradelte Kilometer: 16454,17
Reisetage von Bremen bis Narooma: 878
Am nächsten Tag nieselt es. Das freut uns, denn die Feuergefahr geht nun rapide zurück. Der leichte Gegenwind freut uns ebenfalls, denn der hält die Feuer hinter uns fern. Wir frühstücken und machen uns als Vorletzte auf den Weg. Die anderen Radler und Läufer sind bereits auf dem Weg, Colin frühstückt noch schnell mit uns und nur Jamie lässt den Tag ruhig angehen.
Er will erst gegen Mittag weiterziehen. Oder vielleicht auch erst am nächsten Tag. Es bleibt hügelig und bald überqueren wir die „Grenze“ zwischen den Bundestaaten Victoria und New South Wales. Alle 20 Kilometer gibt es eine Rastmöglichkeit und bei der zweiten Pause treffen wir auf Kay, der schon früh morgens losgezogen ist.
Ich kämpfe mit jedem kleinen Anstieg und merke erst viel zu spät, dass mein Reifen wieder Luft lässt und das Rad schief im Rahmen liegt.
In Eden treffen wir zufällig auf Colin, der wegen Knieproblemen in Eden übernachten will. Es ist kalt und grau und wir machen Brotzeit und fragen die Einwohner nach gratis Zeltplätzen. Auf dem Weg zu einem Solchen winken wir wieder Kay zu, der sich gerade ein Motelzimmer gönnt.
Das hat er sich auch verdient. 67 Kilometer ist er heute gerannt. Wir drei finden einen Campingplatz auf einer Lichtung mit Meeresblick. Hier zelten die einheimischen Kinder an den Wochenenden. Colin macht uns englischen Tee und wir steuern Kekse dazu.
Es nieselt weiter. Alle warnen uns vor dem Berg, dem Berg aller Berge, den wir direkt hinter Eden zu bezwingen haben. Noch Tage später würde man uns fragen „Was, ihr kommt von Süden? Dann müsst ihr ja über den Berg vor Eden gekommen sein!“. Lange geht es nicht bergauf, aber es ist schon etwas steil.
Im kleinsten Gang kann ich mich gerade so im Sattel halten. Danach ist die Strecke ganz machbar, aber mit Luft im Reifen ist alles viel besser machbar. Wir fahren ziemlich flott bis Merimbula. Hier will Colin in die Berge fahren und wir suchen nach einem zahlbaren Campingplatz. Zehn Kilometer müssen wir zurück fahren, denn alle stadtnahen Plätze sind mit Pool, Riesentrampolinen, Meerblick und allem Pi Pa Po ausgestattet und dementsprechend teuer.
Kaum steht das Zelt, entdecken wir eine große Horde riesiger Kängurus weiter hinten auf den Wiesen und Weiden des Campingplatzes. Sie sind wild und grasen in kleinen Grüppchen. Die Männchen stehen auf, als wir näher kommen. Sie sind größer als wir und muskulös wir die Olympiasieger. Mit denen wollen wir uns lieber nicht anlegen.
Am nächsten Tag besuchen uns die „drei M“: Margaret, Michael und ihr Sohn Matthiew. Die drei sind Freunde von Fiona und Vanessa aus Melbourne und machen jedes Jahr Urlaub in Merimbula.
Wir erkunden fast alle Strände in der Gegend, kommen so dicht an wilde Kängurus ran, dass wir sie fast streicheln können und bekommen Besuch von zwei Papageien, die sich sogar auf unsere Hände setzen, als wir ihnen ein paar Kekskrümel anbieten.
Nachmittags klart es endlich auf und die Seen der Stadt leuchten in allen Blau- und Grüntönen. Ich paddle mit dem Kajak durch den See und als ich mich so dahin treiben lasse, schwimmt direkt unter mir ein Stachelrochen entlang, der so groß ist, dass ich das eine Ende auf meiner linken und das andere Ende auf der rechten Seite sehen kann.
Einen weiteren Vormittag verbringen wir mit den „drei M“, dann radeln wir zu Simone in den Nachbarort. Simone kommt aus Holland und wohnt weiter im Norden Australien, in den Bergen von Queensland.
Sie hat viel Radelerfahrung, sowohl in Gruppen, als auch allein und sie hat die Adresse in ihrem Warmshowers Profil einfach auf ihren Urlaubsort Tura Beach geändert, wo wir sie auch treffen. Wie schon mit Thomas aus Cann River, haben wir auch mit Simone viel gemeinsam und tauschen stundenlang Erfahrungen aus.
Simone verwöhnt uns mit einem leckeren Abendessen, Frühstück und einem sehr gemütlichen Bett und wir fühlen uns pudelwohl.
Nach einem Abschiedskaffee mit den „drei M“ machen wir uns bei perfektem Radelwetter auf den Weg. Es ist warm aber nicht heiß und die Hügel machen mir heute weniger aus, denn die Aussicht ist wunderschön. Es geht durch Reihenweise Nationalparks voller hoher und niedriger Bäume.

Es geht über Waldwege, die so schön und friedlich sind, dass mir die Hubbel und Löcher gar nichts ausmachen.
Wir hören ein lautes Konzert an exotischen Vogelrufen, die sich so völlig von allen Rufen unterscheiden, die ich je in Europa und Asien gehört habe. Es duftet nach Eukalyptus und Laub und wir genießen, das sanfte auf und ab der Straßen. Wir halten in Thara, essen zwei Liter Eis (im Angebot, da die Kühlbox kaputt war) und laufen am Strand entlang. Es ist großartig, so viel Zeit zu haben. Wir können Pause machen, so lange wir wollen, ohne darüber nachdenken zu müssen, wie viele Kilometer wir schon geschafft haben und wie viele wir noch „müssen“.
Am Strand unterhalten wir uns mit einem Mann, der mit dem Metalldetektor nach Schätzen sucht. Ob er denn schon etwas gefunden habe, fragen wir. „Ein paar Münzen“, sagt er „aber etwa 90% der Funde sind Haarklammern“
Der Wind weht wie verrückt und auf Brücken müssen wir schieben, weil es uns sonst vom Rad gehauen hätte.
Bevor es dunkel wird, verlassen wir die Straße und radeln in Richtung Strand. Zwischen Thara und Bermagui gibt es mehrere kleine Zeltplätze im Nationalpark und wir machen uns auf zum Middle Beach, wo wir für 10$ pro Nase unser Zelt aufbauen können. In New South Wales gibt es ebenso viele kleine sehr einfache Zeltplätze mit staubigem Boden und Plumpsklos, wie in Victoria, aber hier sind nur die wenigsten davon kostenlos.
Die Sicht zum Strand ist unglaublich, da der Zeltplatz auf einem Plateau liegt und wir so weit blicken können, wie es die Gischt erlaubt. Links brechen sich die Wellen an gewundenen Felsformationen, für die der Mimosa Rocks Nationalpark berühmt ist, rechts streckt sich der Sandstrand kilometerweit und viele wilde Wellen laden zum surfen ein. Hinter mir stürzen sich zwei Wallabys auf die Fruchtreste die wir ins Gebüsch geworfen haben. Den Abend verbringen wir am Lagerfeuer der Nachbarn.
Um 6.30 Uhr sind wir wieder hellwach. Der Campingschlafrhythmus hat uns fest im Griff. Ein großer Waran will sich an unsere Lebensmittelvorräte machen, aber wir entdecken und verscheuchen ihn rechtzeitig. Ich beobachte das Treiben in den Wellen. Ein paar Surfer sind unterwegs, manche mit langen Brettern, andere mit kürzeren und wieder andere mit einem Paddle Board, das stehend mit einem Paddel manövriert wird.
Dazwischen schwimmen ein paar Frauen und ein älterer Mann reitet mit seinem Kajak die teils wilden Wellen entlang. Selten habe ich so ein aktives Volk wie die Australier gesehen. Egal zu welcher Tageszeit und bei welchem Wetter, man trifft immer auf ein paar Surfer, Radler, Jogger und Schwimmer. Es ist windig und bewölkt, dennoch gehen wir im eisigen Wasser schwimmen bevor wir uns mittags – gerade vor dem großen Regenfall – auf den Weg machen.

Ein Waran schleicht sich durchs Lager. Alle anderen Camper haben Plastiktruhen für ihr Essen. Wir versuchen unser Bestes mit Plastiktüten.
Wie fast jeden Tag seit Eden, werden wir wieder vor einem „Killerhügel“ gewarnt, der noch schlimmer sei, als alle vorherigen. Es ist generell sehr hügelig, ich kann nicht wirklich sagen, welcher der Hügel nun der schlimmste war. Doch ich finde es erstaunlich, wie auch Autofahrer uns vor Hügeln warnen. Ich denke zurück an die Türkei, in der immer alles als „Düs“ (flach) beschrieben wurde, um uns aufzuheitern.
Das war zwar unpraktisch bei der Tagesplanung, aber mental viel aufbauender. Im strömenden Regen fahren wir recht flott um warm zu bleiben, und bald erreichen wir Bermagui, wo wir uns mit James treffen, den wir bei Couchsurfing kennen gelernt haben.
James ist 61 und hat sein Haus selbst gebaut. Es besteht aus drei Teilen, die sich an den steilen Hang schmiegen und aus jedem Teil hat man einen wunderschönen Blick auf den riesigen Garten, der laut einem Vogelfreund, der eines Jahres mal gezählt hat, Heim für 127 Vogelarten ist.
Solarpanele sorgen für Strom und heißes Wasser und bei Regen wird der Ofen angeworfen. Die Wände sind bunt und hängen voller Kunst; selbstgebaute Möbel, denen man die Liebe ansieht, mit der sie geschreinert wurden, geben dem Haus einen sehr heimeligen Eindruck. Wir fühlen uns vom ersten Moment an pudelwohl.
Wir bleiben eine geschlagene Woche bei James und seinem Hund Jack, kochen, essen, trinken Literweise Tee und Bier und arbeiten. James nimmt sich vor, uns seinen Lieblingssport, Cricket, näherzubringen und wir schauen uns die Spiele im Fernsehen an.
Den Australia Day verbringen wir auf der Veranda mit einem Nachbarn, der zwei Gitarren mitgebracht hat, die er – nun im Rentneralter – selbst gebaut hat.
Zwischen all den handwerklich begabten Menschen fühlen wir uns ziemlich nutzlos. Nachmittags baden wir im Meer und plantschen in den hohen Wellen. Als ein dicker Algenteppich vorbeischwimmt (oder war es ein Tier?), stören wir uns nicht weiter daran, doch zehn Minuten später, auf dem Weg nach Hause, sehen wir wie ein Angler einen Hai auseinandernimmt, den er gerade gefangen hat.
Hoffentlich waren die Algen im Wasser wirklich Algen. Die Fischer erklären uns, dass nicht nur die Flosse gegessen wird, sondern alle Teile des Hais. Die zahlreichen Fish and Chips Shops verkaufen viel Hai „Flakes“ als Fisch.
Am Ende der Woche können wir uns kaum losreißen, denn im Fernsehen läuft Tag vier eines normal langen Cricketspiels zwischen den Erzrivalen England und Australien.

Goodbye James! Ein Jahr später finden wir heraus, dass Simone und Trevor auch nach Bermagui gezogen sind und sich dorct mit James angefreundet haben. Die Welt ist gar nicht so groß.
Wir machen uns am Nachmittag trotzdem auf den Weg. Es ist grau aber trocken und den Umweg über die schönen Städte Tilba Tilba und Central Tilba sparen wir uns, da die „drei M“ uns bei einem Besuch schon dort hin mitgenommen haben.
Wir radeln also auf direktem Weg über lange Brücken und durch grüne wilde Weiden nach Narooma, wo wir bei Col und Heather übernachten.
Die beiden sind 63 Jahre alte Couchsurfer und haben gerade einen Steinofen im Garten installiert, den sie heute Abend mit Pizzas füllen.
Heather liebt gute Küche und schwärmt uns von ihren Reisen durch Frankreich und Myanmar vor, Col ist leidenschaftlicher Radler und nimmt uns am nächsten Tag mit auf eine Radtour in und durch die Stadt, entlang des Radweges, den die Einwohner des Landkreises selbst gebaut und finanziert haben.
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