“Määääh” bedeutet Schäfer

Lotzi

Baja, Ungarn, Oktober 2011

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Die Sonne geht gerade unter, als wir das Zelt auspacken. Ein Bauer hat uns erlaubt eine Nacht in seinem Garten zu zelten. Während ich das Zelt aufbaue nährt sich ein kleiner Mann. Er ist dünn und trägt einen Dreitagebart. In seiner dicken blauen Winterjacke sind schon einige Löcher, doch sie hält ihn immer noch warm. Er lächelt und winkt uns unsicher zu. Wir winken zurück. Er kommt näher und sagt „Hello“ auf Englisch. Wir sagen “Szia” auf Ungarisch. Viel mehr können wir beide nicht auf Ungarisch sagen, daher stehen wir nur da und lächeln nervös. Während ich das Zelt aufbaue, erkläre auf Deutsch, was ich tue. Er versteht nichts. „Englisch?“, frage ich? “Nem”, sagt er und schüttelt den Kopf. Als das Zelt aufgebaut ist, öffne ich eine Tür und er schaut kurz hinein. Dann lächelt er uns wieder zu. „Annika vagyok“, stelle ich mich vor. Roberto und Lotzi machen das Gleiche. Wir sind froh, für einen Moment die unangenehme Stille unterbrochen zu haben. Dann zeigt Roberto seine zehn Finger, macht Fäuste, zeigt wieder die zehn Finger, macht wieder Fäuste und zeigt acht Finger. Danach deutet er auch sich selbst und sagt auf Spanisch „Veinteyocho“ um sein Alter zu erklären. Lotzi versteht, zeigt ebenfalls auf sich und zeigt eine Menge Finger, während er die ungarischen Zahlen murmelt. Bei 54 hört er auf. Ich mache es den beiden nach und höre bei 25 auf. Lotzi fängt an mich mit einem Redeschwall voller ö’s und ü’s zu überhäufen. Als er fertig ist, weiß ich nichts zu sagen, ich habe kein Wort verstanden. Dann zeigt Lotzi auf sich selbst und macht „Määääh“. Endlich verstehe ich: Lotzi ist Schäfer und arbeitet für den Bauern. Dann versuchen wir zu erklären, wer wir sind und was wir tun.

Lotzis Wohnung hinter dem Vorhang und die Tiere in der Tür rechts daneben

Ich zeige in die Luft und sage „Hamburg“, dann bewege ich meine Hände als hielten sie die Pedalen des Fahrrads und zeige auf den Fußboden, wobei ich „Itt“ sage, das ungarische Wort für „hier“. Lotzi ist beeindruckt. Er macht auch die Pedalbewegung, zeigt auf den Horizont und dann auf den Boden und sagt: „Igem?“ „Igem“, ja, antworte ich stolz. Lotzi hat eine Idee. Er zeigt auf uns beide und fragt „Kávé?” ich verstehe nicht. Mit Daumen und Zeigefinger deutet er etwas Kleines an und bewegt danach die Hand zum Mund als würde er den Inhalt trinken. Er fragt ob wir einen Schnaps trinken wollen! Warum nicht?

Lotzi geht und kommt nach einer Weile wieder. „Come, come!“, sagt er du macht eine einladende Geste. Roberto schnappt sich die Küchentasche, denn wir wollten gerade etwas zu Essen bereiten und wir folgen Lotzi. In seiner Wohnung ist es heiß. Lotzi bietet uns Stühle an und drückt uns je einen kleinen Becher in die Hand. Der „Schnaps“ ist heiß und schwarz. Es ist ein Kaffee! Immerhin habe ich verstanden, dass er uns ein kleines Getränk angeboten hat. Es schmeckt köstlich. Lotzi zeigt uns seine Wohnung. Im Schlaf- und Wohnzimmer hat er zwei Fernseher, ein kleines Bett und einen bullernden Ofen. In der kleinen Küche hat alles seine perfekte Ordnung. Die Teller sind genau nach Größe sortiert und alle Bierdosen aus der Sammlung haben die gleichen Abstände zueinander und sind nach vorne ausgerichtet. Roberto ist von der Perfektion beeindruckt. Während wir anfangen zu kochen, erzählt uns Lotzi von seinem Leben auf dem Hof. Er deutet auf seinen linken Arm, zeigt dann fünf Finger und gähnt und streckt sich, als wäre er gerade aufgestanden. Ich verstehe – jeden Morgen muss er um fünf Uhr früh raus, um die Tiere zu füttern.

Lotzi führt uns aus dem Haus raus in den Stall. In zwei Boxen stehen alte und große Pferde. Ich fange an, die beiden zu tätscheln und Lotzi tut lächelnd das Gleiche. Dann öffnet er die nächste Tür und präsentiert und stolz ein paar Kühe und Schweine. Er zeigt auf sie und führt dann die Hand wie einen Löffel zum Mund. Füttert oder isst er sie? Lotzi zeigt auf das Schweinefutter und ich verstehe: er füttert sie. „Aaah“, sage ich, um verständlich zu machen, dass ich verstanden habe. Lotzi grinst stolz in Richtung „seiner“ Tiere. Ich deute wieder auf den linken Arm und zeige fünf Finger. „Jeden Tag um fünf?“, frage ich auf Deutsch. Lotzi kichert und bewegt seine Schultern auf und ab. Dann wackelt er mit den Händen hin und her als würde er sagen „mehr oder weniger“ und zeigt sechs Finger. Erst will er in Ruhe Kaffee, Toilette und Zigaretten genießen erklärt er auf Ungarisch, aber die Worte ähneln den deutschen Worten und bedürfen keiner Hände- und-Füße-Untermalung. Nach diesem morgendlichen Ritual füttert er die Tiere und geht mit den Schafen. Als er von den Schafen erzählt, macht Lotzi wieder „Määäh“ und wir lachen alle drei.

Wir gehen wieder rein und ich drehe den Gasherd aus, weil die Suppe fertig ist. Lotzi dreht ihn wieder an. „Gegen die Kälte, die Rechnung zahlt der Boss“, kichert er. Ich bin fasziniert davon, wie viel wir bereits voneinander wissen und wie gut wir uns ohne die Sprache des Anderen unterhalten konnten. Wir brauchen nicht viele Worte, um gemeinsam lachen zu können und Freundschaft zu schließen. Von der Suppe möchte Lotzi nichts ab haben, denn er hat schon gegessen, aber zu ein paar Fertig-Spätzle können wir ihn überreden. Lotzi gibt einen Schnaps namens Szilva aus und grinst weiterhin. Er scheint es zu genießen, Gäste zu haben. Sein 25-jähriger Sohn lebt nicht mehr bei ihm und den ganzen Tag lang ist er von Tieren umgeben. Schäfer zu sein ist ein einsamer Job.

Lotzi bei der Arbeit

Es ist gemütlich, wir sind satt und in der warmen Küche bekommen wir rote Wangen und werden müde. Bevor wir schlafen gehen wasche ich das Geschirr und Roberto fragt Lotzi nach einem Taschentuch. Er gibt ihm eine ganze Rolle Klopapier und eine Packung Taschentücher und sagt „Souvenir“, scheinbar froh, uns helfen zu können. Er hat sichtlich nicht viel Geld aber freut sich, uns etwas Gutes zu tun.

Als wir am nächsten Morgen aufstehen, bringt uns Lotzi zwei winzige Glasfläschchen mit gezuckertem Kaffee. Wir trinken sie langsam und unterhalten uns noch ein wenig, doch Lotzi sieht sich die ganze Zeit nervös um. Er sollte eigentlich arbeiten und will nicht, dass sein Chef ihn sieht. Wir sagen Danke „Köszönöm“, umarmen einander und fahren los. Lotzi winkt uns nach, bis er uns nicht mehr sehen kann.

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  1. Das sind genau die Begegnungen, die so eine Reise einmalig machen und für kein Geld der Welt zu kaufen sind. Weitermachen …

    Sonnige Grüße aus Berlin 😉

  2. Siri says:

    Super wie einfühlsam du die kleine Reisealltagsbegegnung mit einem freundlichen Schäfer irgendwo in Ungarn beschreibst. Die Begegnungen sind sicherlich eine der schönsten Erfahrungen auf Reisen, und das obwohl man oft nur zwei drei Worte der anderen Sprache versteht. Toller Artikel!

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