Gefühlsschwankungen wie die Teenager – Himmel und Hölle in Bischkek

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“Bleibt zusammen und alles wird gut”, sagte Karin und beim Abschied zurück in Deutschland. Nun testen wir, ob das auch wirklich stimmt

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Bischkek, Kirgisistan, November 2012

Ich bin ein positiver Mensch und versuche immer die gute Seite an jeder Situation zu sehen. „Immerhin sind wir gesund“ ist einer meiner häufigsten Sprüche. „Es hätte doch auch viel schlimmer kommen können“ und „Ach, ich bin sicher, das wird schon klappen“ folgen dicht. Und das sage ich nicht nur so, das meine ich wirklich.

Mich bringt so schnell nichts zum Verzweifeln, denn beim Anflug eines Scheiterns habe ich immer schon einen Plan B im Kopf. Doch was passiert wenn auch Plan B misslingt? Was passiert wenn einfach alles schief geht? In Bischkek haben wir es erfahren. Wir haben unseren Ärger aneinander ausgelassen, uns gegenseitig vollgejammert, wir haben einander umarmt bis alles andere einfach unwichtig wurde und uns immer wieder von kleinen Lichtblicken motivieren lassen. Wir haben überlegt, einfach alles hinzuschmeißen, die Räder zu verkaufen, aufzugeben. Wir haben gekämpft, gewonnen, getanzt, gesungen und doch wieder verloren. Zwischen Freudentaumel und Nervenzusammenbruch suchten wir die Balance. Bischkek war der wahrscheinlich emotionalste Monat unserer Reise.

Hölle: Robertos Kamera wird auf dem Weg nach Bischkek geklaut.

Himmel: Völlig erschöpft von der langen Reise erreichen wir die Hauptstadt Bischkek. Ich koche ein Mahl für Könige wie wir es schon seit Monaten nicht mehr hatten: Hühnchen ohne Fettstücke und Blumenkohl

Himmel: Gleich am ersten Tag können wir Robertos Kirgisistan-Visum um 30 Tage verlängern. Miss Liu von der chinesischen Visaagentur nimmt Robertos Unterlagen entgegen und grinst zuversichtlich. In einer Woche wird das Visum fertig sein.

Hölle: Mein Laptop ist kaputt. Ich kann ihn nicht mehr starten. Alle meine Fotos und angefangenen Artikel befinden darin. In diversen Läden wird er als irreparabel erklärt.

Hölle: Miss Liu ruft an. Noch nie zuvor hat ein Mexikaner in Bischkek ein chinesisches Visum beantragt. Der Konsul ist nervös und verwirrt und fragt nach jeder Menge Papieren.

Hölle: Roberto bekommt vor Sorgen Magenschmerzen die über fast eine Woche anhalten. Er schläft schlecht und träumt von Grenzübergängen, Beamten und Papieren.

Himmel: Mein Laptop ist doch reparabel. Die Reparatur soll 2 Tage dauern und 45 $ kosten.

Hölle: In der Nacht bin ich diejenige die von schlecht gelaunten Grenzern und Passkontrollen träumt.

Himmel: Unsere französischen Hostel- und Jurtenmitbewohner kochen Pudding und heiße Schokolade für alle. Wir werden abgelenkt und lachen viel mit ihnen.

Franzoesische Radelgruppe in Bischkek

Unsere lustigen Mitbewohner in der kleinen Jurte sind allesamt begabte Köche

Hölle: Roberto ist laktoseintolerant. Ich versuche, vor Schuldgefühlen beim Schmatzen Blickkontakt zu vermeiden.

Hölle: Roberto begleitet Miss Liu zur Botschaft, um dem Konsul Rede und Antwort zu stehen. Der Konsul hat sich spontan frei genommen. Roberto ist umsonst gekommen und die Ungewissheit quält ihn weiter.

Hölle: Schlechte Laune im Straßenverkehr. Mich quetscht ein Bus nach dem andren in die Enge. Beifahrer öffnen ihre Türen ohne auf den Verkehr zu achten, parkende Autos scheren plötzlich aus und ein Kleinbus drängt mich um ein Haar in den Graben, nur ein paar Zentimeter bleiben mir. Wutentbrannt rase ich dem Fahrer auf der linken Spur hinterher. An der roten Ampel erwische ich ihn. Das Fahrerfenster ist offen, ich brülle ihn auf Spanisch und Deutsch an. Er brüllt kurz auf Russisch zurück. Die Ampel springt um und er fährt weiter. Ich fühle mich nicht so recht befriedigt.

Strassenverkehr in Bischkek

Jeden Moment kann sich jemand für einen spontanen Spurwechsel entscheiden. In Bischkek fahre ich immer hoch konzentriert

Himmel: Wir finden den ersten gut sortierten Outdoorausstatter! Seit Tagen haben wir uns durch Läden voller gefälschter Ware gesucht.

Hölle: Mit diesen Preisen habe ich wirklich nicht gerechnet. Wie sollen wir das jemals bezahlen? Und dann noch die Kamera, die Reparaturen und die Visakosten! Ohne Ausrüstung keine Winterfahrten im Schnee. Ohne Schneefahrten keine Bergpässe. Ohne Bergpässe kein China. Ohne China – da können wir ja gleich heim. Ich stürze in eine Krise. Roberto redet mir gut zu und rappelt mich wieder auf.

Himmel: Ich treffe mich mit meiner Freundin Anne und ihrem Freund Dan. Wir trinken Tee und lachen über die seltsamen Geräusche, die überraschte Menschen machen. Ich bleibe bis um zwei Uhr früh und genieße es, mitten in der Nacht im Affenzahn über die leeren Straßen zu fegen. Plötzlich erscheint mir alles rosig.

Himmel: Anne macht sich auf den Weg nach China und wir übernehmen ihre warme Couch bei Dan. Vom ersten Moment an fühlen wir uns pudelwohl. Dan ist ein großartiger Gastgeber und wird schnell zu einem unserer besten Freunde auf dem Weg.

Himmel: Ich entdecke ein deutsches Restaurant. Wir trommeln je ein paar Freunde zusammen und essen Currywurst, Nürnberger, Sauerkraut und überbackene Kartoffeln. Runtergespült wird mit jeder Menge Selbstgebrautem.

Steinbraeu in Bischkek

Roberto, Dan, Kim, Katy und Filip im Steinbräu

Hölle: Roberto ruft bei Miss Liu an. „Gibt es etwas Neues wegen meines Visums?“ fragt er. „Problem, Visa Problem, komm, komm in mein Büro“, ruft sie ins Telefon. Wir sind geschockt. Als wir nach zehn Minuten bei Miss Liu ankommen, sind wir um zwanzig Jahre gealtert und haben alle Möglichkeiten für Plan B, C und D durchdiskutiert.

Himmel: Miss Liu schaut uns verdutzt an. „Was macht ihr den hier?“ fragt sie in ihre Arbeit vertieft. „Ach, das warst du am Telefon? Problem? Nein, kein Problem. Entschuldigung. Alles gut. Komm Mittwoch.“

Himmel: Na also! Mit einem Strahlen im Gesicht kommt Roberto von der Visa-Agentur wieder. Er schwingt seinen Pass durch die Luft, wir tanzen auf dem Sofa.

Himmel: Wir haben eine Antwort von der polnischen Schlafsackfirma Cumulus! Wochen haben wir mit der Recherche nach winterfesten Schlafsäcken verbracht und wir können es kaum glauben – unsere Favoriten wollen uns sponsern.

Annika steht in ihrem neuen Schlafsack Cumulus Mysterious Traveler 700

Anprobe in der Küche

Himmel: In einem mir bisher unbekannten Laden finde ich die Winterjacke meiner Träume. Und sie ist preislich sogar im Rahmen! Ich schreibe sie auf die Einkaufsliste und lasse sie zurücklegen.

Himmel: Wir gehen in eine Bar. Es gibt einen Tischfußball. Ich liebe kickern! Gespielt habe ich schon seit einem Jahr nicht mehr. Ich prahle mit meinen spielerischen Fähigkeiten.

Hölle: Am Vortag wurden alle fünf Bälle geklaut. Wir können nicht spielen.

Himmel: Ich spare mir die Blamage. In Wirklichkeit bin ich eine miserable Tischfußballspielen.

Zwei Maenner spielen Kicker

Wir finden aber doch noch einen Kicker mit Bällen und machen alle fertig, die kurbeln statt zu drehen.

Himmel: Endlich ist Winterausrüstungskauftag! Ich nehme mir fest vor, einen grandiosen Wechselkurs zu finden und entdecke ihn schon nach kurzer Suche. Nun muss ich nur noch Dollars abheben.

Hölle: Der Geldautomat will keine Dollars herausrücken.

Hölle: Auch im nächsten Automaten scheinen keine Dollar mehr zu sein. Wir touren quer durch die Stadt, klappern alle Geldautomaten ab, versuchen es mit kleinen und großen Summen, mit und ohne Beleg, mit Dollars und Soms. Kein Automat will Bares herausrücken.

Hölle: ich radle wie der Wind zurück und schlage mir selbst den Fahrradlenker beim Tragen durchs Treppenhaus ins Gesicht. Der Kiefer schmerzt sechs Tage lang.

Hölle: Ich rufe 20 Mal vergebens die Bank an. Beim 21. Mal spricht man mit mir. Es hat ein Betrugsversuch stattgefunden und meine Kreditkarte ist gesperrt. Ich schreibe zwei Mails voller Ausrufezeichen und fett geschriebener Worte wie dringend, Notsituation und unverzüglich. Ich verfalle in Panik. Mir bleiben 120 Soms, knapp 2 €.

Himmel: Die Bank ruft mich auf das kirgisische Handy zurück. Ich bin von nun an Bank-VIP, mein Fall hat hohe Priorität. Noch in der gleichen Nacht werden Summen hin und her geschoben am nächsten Morgen werde ich flüssig sein.

Himmel: Ich hebe erfolgreich Dollars ab. Auf dem Heimweg vom Geldautomaten entdecke ich einen Bratwurststand.

Kirgisischer Bratwurststand

Neben Bratwurst mit Majonaise gibt es auch “Karriwurst”

Hölle: Die Kirgisen feiern am Freitag das Eid al-Adha Fest, im ganzen Land ist das ein Feiertag. Die Chinesen haben sich entschlossen, mitzufeiern und die Grenzübergänge an diesem und den darauffolgenden vier Tagen zu schließen. Der letzte Tag der wilden Party ist auch der letzte Tag meines China-Visums. Es ist Mittwoch. Bis zum Freitag schaffen wir es nicht an die Grenze. Ich muss auch ein neues China-Visum beantragen.

Himmel: Ich tausche meine Dollars zu einem noch besseren Kurs als vor zwei Tagen. Es ist großer Winterausrüstungskauftag! Ich ergattere winddichte, atmungsaktive und wasserdichte Handschuhe, Winterschuhe, Winterjacke, Socken und eine Gesichtsmaske sowie eine kuschlige Schlafhose aus dem Second-Hand-Laden.

Ein kleines Reisebackgammon

Eine großartige Beschäftigung fur die lange Busfahrt nach Osch

Roberto findet Socken, Handschuhe, einen neuen Fahrradhelm und ein langes Thermalshirt. An unserem großen Tag entdecken wir auch wonach wir schon seit März suchen: ein klitzekleines Backgammonspiel. Völlig aufgekratzt stolzieren wir beide in unserer neuen Garderobe durch die Wohnung, schwitzen schon einmal Probe und fürchten uns plötzlich gar nicht mehr vor den verschneiten Bergpässen. Nichts kann uns stoppen – wir sind zusammen, wir sind gesund, alles Andere ist nebensächlich.

Himmel: Dan hat eine Dose Lakritz aufgetrieben, die er mir schenkt. Danach habe ich seit Monaten in jedem erdenklichen Laden gesucht.

Annika haelt eine Dose Lakritz

Lakritz! Ich kann es kaum glauben und lutsche die wertvollen Bonbons sparsam.

Hölle: Das Handy geht kaputt und ich muss zum vierten Mal den sechsseitigen Antrag fürs chinesische Visum ausfüllen.

Himmel: Dan nimmt uns mit auf einer Party mit Tischfußball und Bällen! Wir gewinnen ein Spiel nach dem Anderen.

Himmel: Wir fahren zu einem Tagesausflug in den Ala-Archa Nationalpark und wandern zu einem eingefrorenen Wasserfall.

Hölle: Der Taxifahrer bescheißt uns und wir verlaufen uns im Schnee.

Himmel: Roberto findet den Weg zurück und wir picknicken am Fluss mit Blick auf die Gipfel.

Roberto und Dan in einem Steinfeld im Ala-Archa Nationalpark

Roberto hantiert mit dem Kompass, lauscht dem Flussgeräusch und orientiert sich an fernen Gipfeln

Himmel: Juhu! Wir fahren übers Wochenende aufs Land und planen einen zweitägigen Ausritt. Die Pferde sind gesund und munter, die neuen Schlafsäcke mollig warm. Am zweiten Tag schwingt das Wetter um, es ist grau, neblig und nieselt. Das stört uns gar nicht. Wir haben ja unsere nagelneue Winterausrüstung an.

Hölle: Der Nieselregen verwandelt sich in nassen Schnee, dann in ein Schneegestöber, später in einen Schneesturm und schlussendlich in einen Hagelsturm.

Hölle: Die neue Winterausrüstung trotzt seiner Feuerprobe nicht. Wir sind alle klitschnass und ich zitter am ganzen Körper.

Hölle: Meine Kamera fällt mir irgendwo auf dem 4 ½ Stunden langen Ritt durch Schleichwege und Trampelpfade aus der Jackentasche.

Himmel: Als wir es endlich schlotternd nach Hause schaffen, ist es warm. Die Zentralheizung wurde eingeschaltet! Zum ersten Mal genießen wir eine richtig lange und heiße Dusche. Gleich darauf pumpen wir uns mit Kakao voll.

Dan, Roberto und eine kirgisische junge Frau

Miss Liu nimmt Dan, Roberto und mich mit in ein traditionelles kirgisisches Touristendorf.

Himmel: Die Notfallkreditkarte ist endlich da!

Hölle: Sie kann in Kirgisistan an keiner Bank genutzt werden.

Hölle: Roberto und ich verbringen unseren Jahrestag mit Bankenbesuchen, Telefonaten und Mails schreiben.

Himmel: Der Winterausstatter nimmt Jacke und Handschuhe als Reklamation zurück.

Das Team von Gerbert Sport in Bischkek

Das ganze Team unterstützt uns beim Einkauf und wir sind traurig, dass wir die Hälfte wieder zurück geben müssen.

Himmel: Wir schaffen es, Notfallbargeld aufzutreiben und finden eine neue Jacke und neue Handschuhe.

Himmel: Im Internet stoßen wir auf ein australisches Paar das noch nach 2 Mitfahrern von Osch an die Grenze sucht. Am West-Busbahnhof entdecken wir einen Minibus nach Osch, in dem wir zwei Plätze reservieren. Wir gehen mit unseren Freunden ein letztes Mal essen bevor wir am nächsten Morgen zum Busbahnhof radeln.

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